Pressemitteilung
10. März 2011 

Lukács-Archiv-Budapest mit Nachlaß und Bibliothek in Gefahr!

Das weltweit einmalige Lukács-Archiv in Budapest ist nach verläßlichen Berichten in seinem
Bestand gefährdet. Es ist zu befürchten, daß diese Institution durch Kürzung oder Ausfall der
Finanzierung seine Arbeitsmöglichkeit verliert!
 
Gegen die Entlassung führender Mitarbeiter des Archivs hat sich eine Eingabe an die verantwortlichen Instanzen gerichtet, die von fast 2000 Förderern, Freunden, Mitarbeitern und Intellektuellen in Ungarn unterstützt wurde. Sie ist bisher unbeantwortet geblieben!
 
Die Unterzeichner des Aufrufs der Internationalen Georg Lukács-Gesellschaft (siehe Anale) wenden sich mit der Bitte um Klarstellung und Rücknahme aller einschränkenden Maßnahmen an die Zuständigen: den Leiter des Lukács-Archivs und den Präsidenten der ungarischen Akademie der Wissenschaften. Zu den Unterzeichnern gehören Wissenschaftler und Autoren aus Argentinien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Italien, Kanada, den Niederlanden, der Schweiz und den USA (siehe unten).

Georg Lukács ist der bedeutendste, weltweit diskutierte und anerkannte Philosoph Ungarns. Seine historische Lebensleistung ist bislang im Budapester Archiv gesammelt, dokumentiert und gefördert worden. So muß es im Interesse von historischer, literaturwissenschaftlicher und philosophischer Forschung bleiben.

Weitere Informationen durch:
Lukács-Institut an der                             Internationale Georg-Lukács-Gesellschaft 
Universität Paderborn                                               Paderborn, e.V.
Prof. Dr. Frank Benseler, Vorstand                         Dr. Rüdiger Dannemann, Vorstand
ewepad@hrz.uni-paderborn.de                                  ruedannemann@web.de
Telefon/Fax 0 52 51 —3 95 30                               Telefon 0201 – 797526

Die Pressemitteilung finden Sie als Download hier.

Den Aufruf der Internationalen Lukacs-Gesellschaft finden Sie hier.

Eine Liste der Unterzeichner finden Sie hier.

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Am 06. Februar 2010 findet im London Knowledge Lab. ein Lukács Symposium mit dem Titel "Reification and the Consciousness of the 
Proletariat" statt. Weitere Informationen finden sich hier.

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Berlin, 29.11.2009

Wissenschaftliche Konferenz

Helle Panke e.V. mit Internationaler Georg- Lukács -Gesellschaft

 

Ist der Sozialismus (Marxismus) noch zu retten?

Über die Aktualität eines linken Marxisten - Georg Lukács zum 125. Geburtstag

 

Im Jahre 2010 jährt sich der 125. Geburtstag von Georg Lukács (1885-1971), dem marxistischen Literaturtheoretiker und Philosophen, dem kommunistischen Funktionär und Dissidenten mit seinen ungarischen, jüdischen und deutschen Wurzeln und Bezügen. Er verkörpert die Schwierigkeiten und die Einsichten jener Intellektuellen, die die Grenzen und tödlichen Risiken des Kapitalismus, später des Faschismus sahen, die handeln wollten und sich der sozialistischen, kommunistischen Sache verschrieben. Er verkörpert aber auch die Schwierigkeit des kritischen Intellektuellen trotz großer Anpassungsbereitschaft sich in den inneren Konflikten und Säuberungen der Linken zu behaupten und an einem Ziel festzuhalten – einem Sozialismus, der den Sturz der alten Ordnung mit einer umfassenden Demokratisierung verbindet. An den Knotenpunkten des "Jahrhunderts der Extreme" ist Lukács zu finden, immer engagiert, nicht immer erfolgreich, oft im Irrtum und im Verriss, ja in existentieller Bedrohung – aber der Sache des Sozialismus treu und an ihren marxistischen Begründungen unbeirrt arbeitend. Er nimmt am 1. Weltkrieg teil, bricht mit seinem bürgerlichen Milieu, wird Kommunist, arbeitet im Rat der Volkskommissare der Ungarischen Räterepublik, ist im Untergrund, im Exil, sucht neue Wege der Volksfront, kämpft für einen sozialistischen Realismus und gegen die Zerstörung der Vernunft durch den Faschismus, engagiert sich für den sozialistischen Aufbau und ist in der antistalinistischen Bewegung 1956 politisch aktiv und hat wieder einen Ministerposten, wird aus der Partei gestoßen und totgeschwiegen, ist aufmerksamer Beobachter der westlichen Studentenbewegung und der osteuropäischen Reformversuche der späten 1960er Jahre.

Sein Leben und sein Werk bleiben - trotzdem es heute dem Vergessen im antikommunistischen und antimarxistischen Zeitgeist preisgegeben scheint - unverzichtbar für eine linke Renaissance. Seine Schrift Sozialismus und Demokratisierung ist nicht nur sein Vermächtnis, sondern die Flaschenpost für jeden neuen demokratisch-sozialistischen Weg.

 

Termin

Freitag 23.04.2010 18.00-21.00

Sonnabend 24.04.2010 10.00-18.00

 

2. Ablauf

 

2.1. Podium

Freitag 23.04.2010 18.00-21.00

Veranstaltungsort Helle Panke e.V. 10437 Berlin Kopenhagener Str. 9

 

Podium

Georg Lukacs und linke Politik im Spannungsfeld von Macht und Demokratie

(Moderation: Stefan Bollinger/Rüdiger Dannemann)

 

Frieder Otto Wolf – Detlev Claussen  – Thomas Metscher  – Christoph Jünke – Erich Hahn – Frank Benseler  – Win Windisch  - Reinhard Mocek

 

 

2.2. Konferenz

Sonnabend 24.04.2010 10.00-18.00

Veranstaltungsort Helle Panke e.V. 10437 Berlin Kopenhagener Str. 9

 

Begrüßung:

Stefan Bollinger (Helle Panke)/Rüdiger Dannemann (Internationale Georg Lukács-Gesellschaft)

 

1. Problemkreis

Zur Rekonstruktion eines radikalen Marxismus der 1920er Jahre

(Moderation: Stefan Bollinger)

·       Rüdiger Dannemann (Essen)

Verdinglichungstheorie und Kapitalismuskritik. Zu Axel Honneths Versuch einer neuen Lektüre von "Geschichte und Klassenbewusstsein"

·       Frank Engster (Berlin)

Thesen zur Bedeutung von "Geschichte und Klassenbewusstsein"

·       Konstantinos Kavoulakos (Kreta)

Zur Rekonstruktion der Lukácsschen Geschichtsphilosophie der 20er Jahre

·       Dirk Lehmann (Münster)

"Die unmögliche Naturbeherrschung. Lukács, Adorno und das Phänomen der Verdinglichung"

 

2. Problemkreis

Faschismus, Volksfront und humanistische Ideologie

(Moderation: Stefan Bollinger)

·       Michael Wegner (Jena)

Linke in Zeiten der Stagnation - von den Blum-Thesen zum VII. Kongress

·       Dieter Schiller (Berlin)

Proletarischer Roman und die Debatten um die Linkskurve

·       Thomas Metscher (Bremen)

Zur Zerstörung der Vernunft in der imperialistischen Gesellschaft

 

3. Problemkreis

Klassenbewusstsein, Organisation, Revolution – Lukács 1968 und heute

(Moderation: Rüdiger Dannemann)

·       Frieder Otto Wolf (Berlin)

Kapitallektüre und Ontologie – Lukács` Alleingang

·       Hans-Christoph Rauh (Berlin)

Ontologie als theoretischer Erneuerungsversuch des Marx.

·       Christoph Henning (St. Gallen)

Überlegungen zur Aktualität der sozialen Ontologie von Lukács

·       Detlev Claussen (Hannover)

Geschichte und Klassenbewusstsein – 1968 und 40 Jahre später

 

4. Problemkreis

Sozialismus und Demokratisierung

(Moderation: Rüdiger Dannemann)

·       Volker Caysa (Lodz)

Das Problem des Gewaltrechts des Guten beim jungen Lukacs

·       Christoph Jünke (Bochum)

"Hic Rhodos, hic salta!" - Georg Lukács und der sozialistische Sprung ins Reich der Freiheit

·       Manfred Lauermann (Hannover)

Der schlechteste Sozialismus ist besser als der beste Kapitalismus

·       Stefan Bollinger (Berlin)

Realsozialismus und Realkapitalismus – das Demokratieproblem

 

 

Leistung der Referenten und Podiumsdiskutanten

o      Gesprächsrunde am Freitag mit Statements für Einstieg nach Fragenliste von 10 min

o      Vorträge mit 20 min Vorgabe am Sonnabend,

o      zeitnahe Übergabe zu beiden Veranstaltungen (ohne Doppel) von Manuskripten 20.000-30.000 Zeichen

o      Publikation seitens Helle Panke in Pankower Heften – Lukacs-Gesellschaft prüft eigene Möglichkeiten/Jahrbuch-Sonderausgabe 2010 ("Festschrift" zum 125. Geburtstag von Georg Lukács)

 

Dr. Stefan Bollinger

Stellv. Vorsitzender "Helle Panke" e.V. - Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin

Glambecker Ring 75

D-12679 Berlin

Tel. (030) 93 75 040

e-Mail: StefanBollinger@aol.com

 

Dr. Rüdiger Dannemann

Stellv. Vorsitzender Internationale Georg-Lukács-Gesellschaft

Am Sonnenhang 60

45289 Essen

Tel. (0201) 7 97 526

e-Mail: ruedannemann@web.de


Wir freuen uns folgende Neuerscheinungen ankündigen zu können:

Georg Lukács

"Die Theorie des Romans"

Ein geschichtsphilosophischer Versuch

über die Formen der großen Epik

Werkauswahl in sechs Bänden Band 2

(Hrsg. von Frank Benseler und Rüdiger Dannemann)

Aisthesis Verlag 2009

Georg Lukács schrieb »Die Theorie des Romans« 1914/15 – zur gleichen Zeit, als Rosa Luxemburg ihre Spartakusbriefe, Lenin in Zürich sein Imperialismusbuch, Spengler den »Untergang des Abendlandes«, Ernst Bloch seinen »Geist der Utopie« verfasste. Es ist das letzte große Werk, das Lukács vor seiner Wendung zum Marxismus schuf. Als es 1920 in Berlin erschien, war sein Verfasser schon aus Ungarn geflüchtet, waren die Tage der Regierung Béla Kun – der er als Kultusminister angehörte – bereits gezählt. Dieses schmale Buch, das aus dem Fragment gebliebenen grandiosen Versuch einer Dostojewski-Monographie entstanden ist, hat den Ruhm seines Autors begründet. Es ist »ein Werk des Übergangs, seinem Gegenstand gemäß noch dem bürgerlichen Ästhetizismus der Heidelberger Jahre verhaftet, doch in seiner Thetik schon härter, schroffer und das Ziel des künftigen methodischen Wegs scharf ins Visier nehmend. Hier findet sich der Ansatz zu einer großangelegten, spekulativ weitergeführten Überlegung, der wenig Gleichwertiges an die Seite gestellt werden kann.« (Horst Althaus). Max Weber, Thomas Mann, Robert Musil, Ernst Bloch, Benedetto Croce, Walter Benjamin, Th. W. Adorno, Paul Honigsheim, später Lucien Goldmann, Peter Bürger u.a. zeigten sich nachhaltig beeindruckt.
Inhalt:
• Vorbemerkung der Herausgeber der Werkauswahl

• Vorwort (1962)

• I Die Formen der großen Epik in ihrer Beziehung zur Geschlossenheit oder Problematik der Gesamtkultur

• 1 Geschlossene Kulturen
Die Struktur des Griechentums • Sein geschichtsphilosophischer Entwicklungsgang • Das Christentum

• 2 Das Problem der Geschichtsphilosophie der Formen
Allgemeine Prinzipien • Die Tragödie • Die epischen Formen

• 3 Epopöe und Roman
Vers und Prosa als Ausdrucksmittel • Gegebene und aufgegebene Totalität • Die Welt der objektiven Gebilde • Der Heldentypus

• 4 Die innere Form des Romans
Sein abstrakter Grundzug und die Gefahren, die daraus entstehen • Das Prozeßartige seines Wesens • Die Ironie als Formprinzip • Die kontingente Struktur der Romanwelt und die biographische Form • Die Darstellbarkeit der Romanwelt und die Mittel ihrer Darstellung • Der innere Umfang des Romans

• 5 Geschichtsphilosophische Bedingtheit und Bedeutung des Romans
Die Gesinnung des Romans • Das Dämonische • Die geschichtsphilosophische Stelle des Romans • Die Ironie als Mystik

• II Versuch einer Typologie der Romanform

• 1 Der abstrakte Idealismus
Die beiden Haupttypen • Don Quixote • Seine Beziehung zur Ritterepik • Die Nachfolge des Don Quixote: a) die Tragödie des abstrakten Idealismus; b) der moderne humoristische Roman und seine Problematik • Balzac • Pontoppidans »Hans im Glück«

• 2 Die Desillusionsromantik
Das Problem der Desillusionsromantik und seine Bedeutung für die Form des Romans • Jacobsens und Gontscharows Lösungsversuche • Die »Education sentimentale« und das Problem der Zeit im Roman • Rückblick auf das Zeitproblem im Roman des abstrakten Idealismus

• 3 »Wilhelm Meisters Lehrjahre« als Versuch einer Synthese
Das Problem • Die Idee der gesellschaftlichen Gemeinschaft und die Formen ihrer Gestaltung • Die Welt des Erziehungsromans und die Romantisierung der Wirklichkeit • Novalis • Goethes Versuch der Lösung und das Transzendieren des Romans zur Epopöe

• 4 Tolstoj und das Hinausgehen über die gesellschaftlichen Formen des Lebens
Die gestaltete Polemik gegen die Konvention • Tolstojs Naturbegriff und seine problematischen Folgen für die Form des Romans • Tolstojs doppelte Stellung in der Geschichtsphilosophie der epischen Formen: Ausblick auf Dostojewskij

• Quellen und Hinweise

• Namensverzeichnis

• Nachwort

ISBN 978-3-89528-641-4,
150 Seiten, kart. EUR 14,50

Georg Lukács – Werkauswahl in Einzelbänden

Hrsg. von Frank Benseler und Rüdiger Dannemann

• Bd. 1 Die Seele und die Formen
• Bd. 2 Die Theorie des Romans
• Bd. 3 Geschichte und Klassenbewußtsein
• Bd. 4 Die Zerstörung der Vernunft
• Bd. 5 Die Eigenart des Ästhetischen
• Bd. 6 Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins

Georg Lukács

"Autobiographische Texte und Gespräche"

Hrsg. von Frank Benseler und Werner Jung unter Mitarbeit von Dieter Redlich

"Georg Lukacs hat als Einziger fast das Niveau der fälligen, gültigen Sache selbst betreten. Der Augenblick, allen anderen eine begriffliche Verlegenheit, ist hier zum Moment der Entscheidung, des Durchblicks in Totalität erhöht.“
Ernst Bloch

"Es war, als habe sein Geist sich diesen zarten und zähen Körper mit äußerster Sparsamkeit gebaut, um nur das nötigste vom Stoff der Welt an ihn abzugeben und alles übrige dem Denken vorzubehalten. Sein Dasein ist gelebtes Denken.“
Ernst Fischer

Inhalt:
• I. Autobiographische Texte
• 1. Tagebuch [1910/11]
• 2. Curriculum Vitae [1918]
• 3. Mein Weg zu Marx [1933]
• 4. Postscriptum zu „Mein Weg zu Marx“ [1957]
• 5. Gelebtes Denken (G. Lukács im Gespräch über sein Leben) [1969-71]
• Redaktionelle Anmerkung
• I Kindheit, Berufsbeginn
• II Krieg, Revolutionen
• III In der Emigration
• IV Wieder in Ungarn
• 6. Gelebtes Denken [1970/71]

• II. Gespräche
• 1. Probleme des ungarischen Kulturlebens [1956]
• 2. Gespräche mit Georg Lukács [1966]
• Lukács – Holz
• Lukács – Kofler
• Lukács – Abendroth
• Lukács – Abendroth – Holz
• 3. „Eine Art Freundschaft“ [1967]
• 4. Nach fünfzig Jahren [1969]
• 5. Alle Dogmatiker sind Defaitisten [1969]
• 6. Die Deutschen – eine Nation der Spätentwickler? [1969]
• 7. „Das Rätesystem ist unvermeidlich“ [1970]
• 8. „Nach Hegel nichts Neues [1970]
• 9. „Wesentlich sind die nicht geschriebenen Bücher“ [1970]

• III. Briefe
• 1. Brief über Stalinismus [1962]
• 2. Brief über die Budapester Schule [1971]

• IV. Nachwort

• V. Textüberlieferung

• VI. Register

ISBN 978-89528-720-6
529 Seiten, kart. EUR 39,80

Rüdiger Dannemann (Hg.)

"Lukács und 1968"

Aisthesis Verlag 2009

„Auf Augenhöhe mit Heidegger“ – um 1968 wäre diese These Axel Honneths kaum in Frage gestellt worden. Georg Lukács und sein Werk erlangten damals einen Höhepunkt der Rezeption. Vierzig Jahre danach stellt sich die Frage nach der Relevanz seines gegenwärtig gerne vernachlässigten, aber selten zu ignorierenden Werks und dessen Rezeption im Umfeld der 68er-Generation. Hat deren Wiederentdeckung des „jungen“ Lukács den Zugang zu einem Klassiker der Gegenwartsphilosophie geebnet oder hat eine „paradigmatisch falsche“ Rezeption dazu beigetragen, dass das umfangreiche Oeuvre auf  nicht selten politisch motivierte Vorbehalte stößt, die den Zugang zu dem Werk eher verbauen? Das vorliegende Buch ist ein Lesebuch, ein Mixtum compositum subversiver, melancholischer, manchmal archivarischer, oft dissonant-kritischer Texte; es soll zum Stöbern und Entdecken einladen, zu eigensinnigen Annäherungen an das Phänomen Lukács. War zunächst sehr akademisch an einen üblichen Aufsatzband gedacht, so trat immer stärker das Interesse in den Vordergrund, sich zu öffnen für autobiographische, ja literarische Annäherungen. So wird eine Textsammlung präsentiert, die man studieren kann, in der aber auf umfangreiche Aufsätze sehr persönliche Interviews folgen, die aber auch zum Blättern einlädt, um Vertrautes neben Überraschendem, Erfreuliches neben Befremdlichem zu sehen. Es geht um die vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit einem Autor, der – wie auf andere Art Wittgenstein, Heidegger oder Habermas – die Philosophie des 20. Jahrhunderts geprägt hat und der bei der Aufgabe helfen könnte, „eine post-habermasianische kritische Theorie“ zu formulieren.

Inhalt:
• Rüdiger Dannemann: Vorwort

• Rüdiger Dannemann: Georg Lukács und 1968. Eine Spurensuche


• I. Wege zu Lukács – Autobiographische und literarische Annäherungen

• Peter Bürger: Lukács-Lektüren. Autobiographische Fragmente

• Heinz Kimmerle: Ein Brief an Rüdiger Dannemann

• Jürgen Meier: Ein Weg zu Lukács. Biographisches

• W.F. Haug: Georg Lukács im westberliner Vormai. Eine werk-autobiographische Notiz

• György Dalos: Reisebericht von Georg Lukács an das Zentralkomitee des Himmelreichs


• II. Aufsätze und Interviews – Lukács und die Neue Linke

• Bernd Wagner: Georg Lukács’ Denken, die Studentenbewegung und das „Rote Jahrzehnt“

• Abenteuer des Bewusstseins. Rüdiger Dannemann im Gespräch mit Detlev Claussen

• Stefan Bollinger: Lukács und nicht nur die Demokratisierung des Realsozialismus

• Lukács und der Hegelmarxismus. Rüdiger Dannemann im Gespräch mit Andreas Arndt

• Erich Hahn: Subjektivität versus Subjektivismus

• Ein ungelesenes, unbekanntes Meisterwerk des 20. Jahrhunderts. Rüdiger Dannemann im Gespräch mit Thomas Metscher

• Konstantinos Kavoulakos: Lukács’ geschichtsphilosophische Wende – ihre Aktualität 40 Jahre nach 1968

• Goldmann, Lukács und Pascal. Rüdiger Dannemann im Gespräch mit Michael Löwy

• Endre Kiss: Bärentanz der/und Befreiung. Georg Lukács und die sechziger Jahre

• Lukács und die Generation Kohl. Rüdiger Dannemann im Gespräch mit Christoph Henning

• Elio Matassi: Georg Lukács und das Jahr 1968 in der italienischen Kultur

• Reflexionen über den Klassiker des philosophischen Marxismus und das Schattenreich der philosophischen Kultur. Rüdiger Dannemann im Gespräch mit Axel Honneth


• Anhang

• Rudi Dutschke: Besuch bei Georg Lukács (Aus dem Tagebuch, Mai 1966)

• Hans-Jürgen Krahl: Zu Lukács: Geschichte und Klassenbewußtsein

• Ágnes Heller: Lukács, die Budapester Schule und die Illusionen von ’68

• Albrecht Götz von Olenhusen: „Sozialisierte“ und „proletarische Reprints“. Die Rezeption von Georg Lukács’ Werken durch Raubdrucke in der Studentenbewegung

• Angaben zu den Autoren

• Personenregister


ISBN 978-3-89528-707-7,
ca. 300 Seiten, kart. ca. EUR 29,80

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Von Ferenc L. Lendvai ist ein neues Buch erschienen

A Fiatal Lukács (Der junge Lukács. (Sein Weg zu Marx: 1902-1918)

Argumentum Kiadó/ Lukács Archivum, Budapest 2008

Hier schon einmal das Inhaltsverzeichnis:

Vorwort

 

Einleitung: die Zeit und der Mensch

 

I. Ästhetische Kultur

1. Schriften über das Theater

            1.1. Kritiken und Feuilletons

            1.2. Die Thalia-Gesellschaft

2. Die „letzten Geheimnisse” und die „ungarischen Messias”

            2.1. Ibsen und die skandinavische Literatur

            2.2. Hauptmann und die deutsche Literatur

            2.3. Ady und die ungarische Literatur

3. Kunst- und Kulturkritik

            3.1. Die Wege trennen sich

            3.2. Ästhetische Kultur

 

II. Zwei parallele Synthesen: das „kunstsoziologische” Dramenbuch und der   „existenzialphilosophische” Essay-Band

1. Das „kunstsoziologische” Dramenbuch

            1.1. Literaturgeschichte und Soziologie – Versuch einer methodologischen        Grundlegung

            1.2. Die Entwicklungsgeschichte des modernen Dramas

            1.3. Tragödie und Lyrik: das Problem des untragischen Dramas

2. Der „existenzialphilosophische” Essay-Band

            2.1. Die Seele und die Formen: die beiden Varianten des Essay-Bandes

            2.2. Persönliche Krise, literarische Mystik und das Ende der Parallelitäten

 

III. Zwischen Heidelberg und Budapest bzw. Kunst- und Geschichtsphilosophie

1. Philosophische Skizzen und kunstphilosophische Synthese

            1.1. Philosophische Skizzen

            1.2. Kunstphilosophische–ästhetische Manuskripte

2. Ein geschichtsphilosophischer Versuch

            2.1. Deutsche Kultursoziologie und russische Religionsphilosophie

            2.2. Die deutsche Intelligenz und der Krieg

            2.3. Die Dostojewski-Manuskripte

            2.4. Die Theorie des Romans

3. „Seelenwirklichkeit” und Revolution

            3.1. Béla Balázs und jene, die ihn nicht mögen

            3.2. Der Bolschewismus als moralisches Problem

 

Bilanz und Ausblick

            -Bilanz

            -Ausblick

 

Anhang

            Die Zyklen von Georg Lukács’ Werke 1902-1918

            Bibliographie (Zitierte Werke)

            Namenregister

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Radio-Beitrag "Rettet Lukács"

Am 11. Oktober 2008 sendet das Deutschlandradio Kultur ein Feature zur Planung der Rettungsaktion des damaligen ungarischen Kulturministers Georg Lukács. Die Sendung beginnt um 18:05 Uhr. Weitere Informationen finden Sie hier.



Georg Lukács - Kritiker der unreinen Vernunft
Tagungsbericht

 

Die vom Gesellschaftswissenschaftlichen Institut Bochum (GIB) in Zusammenarbeit mit der Internationalen Georg-Lukács-Gesellschaft durchgeführte Tagung Georg Lukács - Kritiker der unreinen Vernunft fand am 11. und 12. Mai 2007 in den Räumen der Ruhr-Universität Bochum statt. Gefördert wurde sie durch die Rosa Luxemburg-Stiftung und den ASTA der Ruhr-Universität.




In seiner Begrüßung verwies Christoph J. Bauer darauf, dass es mittlerweile in allen wissenschaftlichen Fachdiskursen offenkundig ruhig um eine produktive Aneignung der Theorie Georg Lukács’ geworden sei, dessen Werke noch in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts zu den meistgelesenen gezählt haben. Lukács sei besonders für diejenigen interessant gewesen, die – wie er selbst – über die Möglichkeit der Veränderung des gesellschaftlichen status quo nachdachten bzw. an den Veränderungen selbst mitarbeiten wollten. Resultat des wohl nur scheinbaren Bedeutungsverlustes von Lukács’ Denken sei die Tatsache, dass nur noch wenige seiner Werke auf dem Buchmarkt erhältlich sind. Bauer gab der Hoffnung Ausdruck, dass die Tagung – neben einer aktualisierenden Erörterung und eventuell auch Neuinterpretation der vielschichtigen Werke Lukács’ – ebenfalls eine Diskussion über Publikationsprojekte anstoße, die einerseits die noch ausstehende Fertigstellung der Werkausgabe und andererseits eine Neuauflage der vergriffenen Hauptwerke umfassen.
 

Frank Benseler (Paderborn): Wie modern ist Lukács?
Benseler setzte sich in seinem Eröffnungsvortrag, der von ca. 70 Zuhörerinnen und Zuhörern besucht wurde, zwei Ziele. Erstens wollte er den ‚ganzen Lukács’ möglichst lebendig in Erscheinung treten lassen; das meint, sich dem Leben wie dem Denken des ungarischen Philosophen in mehreren Annäherungsversuchen zu widmen. Zweitens wollte er die Frage nach der Aktualität dieses vielgestaltigen Denkers beantworten und herausarbeiten, wie sein Ansatz weitergedacht werden kann. Diese Zielsetzung bestimmte den weiteren Verlauf des gesamten Vortrags. Seine einleitenden Worte waren insgesamt im anekdotischen Stil (die Anekdote als „Andenknote“) gehalten.
Ausgehend vom Titel der Tagung, die Lukács als Kritiker der unreinen Vernunft vorstellt, erläuterte Benseler Lukács’ Weg zu Marx. Er sei sein Leben lang einer Vernunft „unter den Bedingungen der Zeit und der Geschichte“ verpflichtet geblieben. Zeit und Geschichte aber als diejenigen Bedingungen zu denken, unter denen sich Vernunft zu realisieren habe, fordere unausweichlich ein „Denken der Kontingenz“ im Gegensatz zu einem „Denken der Notwendigkeit“ ein. Benseler führte für das Denken, das sich der Freiheit verschreibt, paradigmatische Beispiele an: So markierte er den Beginn eines Denkens der Notwendigkeit bereits in der griechischen Antike (mit Anaximander), das seine Fortsetzung in der christlich geprägten scholastischen Philosophie fand. Als Denker der Kontingenz nach Lukács führte Benseler Sartre und Luhmann an. An der Philosophie Hegels und Marx’ erarbeitete er eine Dialektik beider Prinzipien, was für Lukács eine entscheidende philosophiegeschichtliche Neuerung gewesen sei. Benselers Anliegen war es, Lukács deutlich in die Traditionslinie des Marxismus-Leninismus zu stellen, um von dort aus dessen Bedeutung zu erfassen. Die offenen Fragen des Marxismus müssen durch seine Weiterentwicklung beantwortet und das marxistisch-dialektische Prinzip tatsächlich praktiziert, d. h. auf die Probleme der Gegenwart angewandt werden. Gerade das Lukácssche Spätwerk der Ontologie des gesellschaftlichen Seins sei darum bemüht, seine Erkenntnistheorie einer materialistischen Ontologie unterzuordnen und habe daher einen systematischen und universell anwendbaren Anspruch.
Am Ende kam Benseler zu dem Schluss, dass Lukács gerade in der heutigen Zeit wieder - oder immer noch - sehr modern sei und forderte alle Disziplinen, die sich Lukács’ Ansatz nutzbar machen können, auf, dort weiter zu denken, wo Lukács aufgehört habe.
 

Zsuzsa Bognár (Piliscsaba): Der junge Lukács und die zeitgenössische ungarische Literatur
Der Samstag wurde von der ungarischen Literaturwissenschaftlerin Zsuzsa Bognár eröffnet. Ihr Vortrag wählte sich zum Ausgangspunkt der Darstellung den in Ungarn immer wieder erhobenen Vorwurf, Lukács beschäftige sich nur mit der deutschen Literatur und Philosophie und vernachlässige dabei die ungarische. Ausgehend von frühen Rezensionen in den Budapester Zeitschriften Nyugat und Pester Lloyd beschäftigte sich Bognár mit der Auseinandersetzung Lukács’ mit der ungarischen literarischen Moderne. Anhand von Gedichten Endre Adys, Mihály Babits’, Dezsö Kosztolányis und Béla Balázs’ skizzierte sie sowohl die charakteristischen Positionen der Lyrik in Lukács’ Gegenwart als auch die zum Teil begeisterte Aufnahme beim bzw. den Einfluss dieser Dichtung auf den frühen Lukács. Insbesondere Ady - als Autor des Aufbruchs in eine neue ungarische Literatur - wirkte mit den Begriffen und Themen seiner Lyrik auf die Essays in Die Seele und die Formen. Bognárs These zum Schluss des Vortrags stellte heraus, dass jedoch mit dem Erscheinen des Essaybandes Lukács’ Beschäftigung mit den ungarischen Schriftstellern beendet worden sei, zeige sich doch gerade dort - an der Auswahl der Literatur und Philosophie, die zum Anlass der Abhandlungen genommen wird -, dass, mit den Worten Babits’ gesprochen, „hier ein deutscher Geist“ spreche und kein ungarischer. So führte Bognár auf vielschichtige Weise in einen Aspekt von Lukács’ Frühwerk ein, der in der Forschung - zumindest in Westeuropa - bisher völlig ausgespart wurde.
 

Doris Zeilinger (Nürnberg): Präsenz - Augenblick. Zur Theorie der Zeit bei Ernst Bloch und Georg Lukács
Zeilinger ging es in ihrem Vortrag um das Verhältnis zwischen Ernst Bloch und Georg Lukács sowie um dessen Kritik an Bloch. Sie standen in ihrer frühen Phase in engem Kontakt miteinander und beeinflussten sich wechselseitig in vielerlei Hinsicht. So regte beispielsweise der frühe Lukács unter Bezug auf Hegel die Verschränkung von Ontologie, Logik und Erkenntnistheorie in Blochs Philosophie an. Doch auch im Spätwerk lassen sich beiden gemeinsame Ansätze erkennen; in erster Linie bezogen auf das Verständnis von Kategorien als bewegliche Daseinsformen der Idee.
Allerdings bestand das Verhältnis beider Denker nicht allein in gegenseitiger Anerkennung, sondern ebenso in inhaltlicher Differenz, die sich im Verlauf des weiteren Schaffens zunehmend verhärtete. Blochs Denken bildet in Lukács’ Augen eine „Synthese aus linker Ethik und rechter Erkenntnistheorie“ (Einleitung von 1962 zur Theorie des Romans). Hintergrund dieser Kritik, so erläuterte Zeilinger, sei die Unterscheidung von materialistischer und idealistischer Erkenntnistheorie: Während Lukács selbst zweifellos der ersteren zugetan sei, versuche Bloch, so impliziert diese Kritik, die Metaphysik in die Erkenntnistheorie einzubeziehen und das Erkennen auf das Ansichsein der Dinge zu richten (anstatt auf die jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen). So kritisierte Lukács mehrfach Blochs Nähe zu idealistischen Positionen des Neukantianismus, vor allem zur Rickert-Schule. Lukács und Bloch divergieren außerdem in ihrer Naturauffassung: Halte Bloch an einer „Offenheit der Materie“ fest, ja gar an einer „Utopie der Natur“, so lasse Lukács eine Utopie allein in Bezug auf gesellschaftlich-soziale Zusammenhänge gelten und lehne einen teleologischen Naturbegriff grundsätzlich ab.
Im zweiten Teil ihres Vortrages beschäftigte Zeilinger sich näher - wie im Titel anklingt - mit dem Begriff der ‚Zeit’ und arbeitete Divergenzen der beiden Positionen heraus. Lukács integrierte in die Theorie des Romans sowie in Geschichte und Klassenbewusstsein eine komplexe Philosophie der Zeit, die auf Bloch nachhaltig wirkte. Daran anlehnend unterscheidet Bloch zwischen Präsens und Präsenz. Bloch geht der Frage nach, wie aus dem bloßen Präsens eine Präsenz wird und entwickelt den Gedanken, dieses werde in der „Lichtung des Dunkels des gelebten Augenblicks“ eingelöst. Das Wesen des Augenblicks ist das Verschwinden und die Nichtigkeit. Lukács versteht den Augenblick jedoch völlig anders: Sein Wesen bestehe nicht in der Nichtigkeit, sondern in ihm liege gerade die Möglichkeit einer Unterbrechung der Geschichte.
 

Rüdiger Dannemann (Essen): Verdinglichung, Entfremdung und Anerkennung. Über die Aktualität und gegenwärtige Aktualisierungsversuche eines zentralen Begriffs der Philosophie Georg Lukács’
Einleitend stellte Rüdiger Dannemann fest, dass sich ein bestimmtes Thema wie ein roter Faden durch das Gesamtwerk Lukács’ ziehe, nämlich das Problem der Entfremdung des Menschen in der Warengesellschaft. Lukács’ Verdienst sei es, diesen Kernaspekt des kapitalistischen Gesellschaftssystems wieder in den philosophischen sowie in zahlreiche fachdisziplinäre Diskurse eingebracht zu haben. Ausgehend von Geschichte und Klassenbewußtsein und dem darin entwickelten, spezifischen Begriff der ‚Verdinglichung’ stellte Dannemann fest, dass dieser Teil der Lukácsschen Gesellschaftstheorie eine enorme Aktualität besitzt. An der Berechtigung, mit der Lukács die Verdinglichung als das Zentralproblem der Gegenwart bezeichnete, habe sich nichts geändert. Für unsere Gegenwart, achtzig Jahre nach der Niederschrift von Geschichte und Klassenbewußtsein, konstatierte er ein wiedererwachtes Interesse an dieser lange Zeit kaum mehr wahrgenommenen Theorie der Entfremdung und bezog sich damit vor allem auf die jüngste Auseinandersetzung mit dem Thema von Axel Honneth und seinen Mitarbeitern. Rahel Jaeggis Buch Entfremdung (2005) und Honneths Verdinglichung (2006) standen dann im Mittelpunkt des konkreteren Teils von Dannemanns Vortrag. Während auf der einen Seite Jaeggi versuche, Verdinglichung unter Bezug auf aktuelle gesellschaftliche Erscheinungen neu zu bestimmen, unternehme Honneth die Reformulierung und Umakzentuierung der Lukácsschen Verdinglichungstheorie. Dass diese Debatte sich nicht auf den deutschsprachigen Raum beschränke, zeige das internationale Interesse an dieser Thematik.
Als Habermas-Schüler knüpfe Honneth zwar begrifflich an dessen Arbeiten an, kritisiere gleichzeitig aber die These einer Tendenz zur Verrechtlichung qua Durchinstitutionalisierung des verdinglichten Gesellschaftssystems genauso wie die damit verbundene Verharmlosung der sozialen Problemlage. In diesem Kontext versuche Honneth, Lukács’ Thesen unter Zuhilfenahme des Begriffs der ‚Anerkennung’ auf die aktuellen Verhältnisse anzuwenden und wissenschaftlich anschlussfähig zu machen. Hieran schließe sich Jaeggi mit ihrer Analyse und theoretischen Durchdringung konkreter Phänomene wie Leihmutterschaft, Sexindustrie, Partnersuche im Internet oder zunehmender Tendenz zum „Gefühlsmanagement“ an. Dem gegenüber kritisierte Dannemann aber diesen Reaktualisierungsversuch der Theorie Lukács’, indem er herausstellte, dass Honneth und Jaeggi sie um wesentliche Aspekte verkürzen. So blende Honneth etwa die für Lukács so entscheidende Ökonomiekritik aus und orientiere sich stattdessen an den Ergebnissen aus der Sozialpsychologie.
 
Ob mit dieser Wiederbelebung des Verdinglichungsbegriffs wirklich eine Renaissance innerhalb der Kapitalismuskritik verbunden sei, bleibe abzuwarten. Dannemann zeigte sich jedenfalls überzeugt, dass das Problem der kapitalistischen Verdinglichung aktueller denn je ist und damit auch seine Kritik wieder in den breiten gesellschaftstheoretischen Diskurs Eingang finden wird.
 

Andreas Arndt (Berlin): Arbeit und Entäußerung. Anmerkungen zu Lukács’ ‚Der junge Hegel’
Im ersten Teil des Vortrags ging es Andreas Arndt darum, Lukács’ Buch über den jungen Hegel als Dokument einer Wiederaneignung Hegels durch den Marxismus vorzustellen; eine Wiederaneignung, die 1. die Marginalisierung Hegels durch die Theoretiker der II. Internationale revidiere, 2. gegen den Stalinismus gerichtet sei und 3. an Lenins Projekt eines systematischen und kritischen Studiums der Dialektik Hegels vom materialistischen Standpunkt aus anknüpfe. Lukács verfasste dieses Werk in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts und schloss es 1937 ab (1948 in deutscher Sprache veröffentlicht). Seit Lenins Tod 1924 habe Stalin versucht, die Veröffentlichung von Lenins Auseinandersetzung mit Hegel in den Philosophischen Heften zu verhindern. Später, im angeblich von Stalin verfassten Text Über den dialektischen und historischen Materialismus von 1938, werde Hegels Philosophie für eine konstruktive Auseinandersetzung mit der Gegenwart als durchaus entbehrlich angesehen. 1944 erneuerte Stalins Chefideologe Shadanov - wohl nicht nur in antideutscher Absicht - die Legende von Hegel als dem Philosophen der preußischen Reaktion. Eine solche Stellungnahme scheine auf die Suspendierung der Frage nach der kritischen Bedeutung von Dialektik überhaupt abzuzielen. Lukács dagegen liefere wiederum mit seinem Hegel-Buch einen gegenkritischen Beitrag, der im Rahmen einer materialistischen Philosophiegeschichtsschreibung den unhintergehbaren Hegel-Bezug materialistischer Dialektik herausstelle.
Der zweite Teil des Vortrags beschäftigte sich mit den historisch-philologischen Voraussetzungen von Der junge Hegel. 1929 war Marx’ Manuskript Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie von 1843 vollständig publiziert worden. Noch bedeutsamer war jedoch die Drucklegung der 1844 verfassten Pariser Manuskripte im Jahre 1932 gewesen. Bedeutsam war dieses Werk deswegen, weil in ihm Hegels Phänomenologie des Geistes von 1807 als eine mit der Geschichte des Menschen zu identifizierende Geschichte der Entfremdung und ihrer Aufhebung gelesen werde. Diese Marxsche Lesart, die romantische Züge trägt, charakterisiere zudem die Hegelsche Phänomenologie so, dass sie zwar auf dem Standpunkt der modernen Nationalökonomie stehe und das Wesen der Arbeit zu Recht als gegenständliche Tätigkeit des wirklichen Menschen begreife, ihre negative Seite jedoch nicht sehe. Dies zeige sich in der bei Hegel nur gedachten Form der Aufhebung der Entfremdung und der alleinigen Anerkennung einer abstrakt geistigen Arbeit. Marx vertrete zum einen eine Auffassung von Dialektik als gegenständliche Vermittlung in der Arbeit, zum anderen bedeute ihm Dialektik die historisch-begriffliche Erscheinungsform einer aufzuhebenden Entfremdung. Auf diesem vom jungen Marx eröffneten Spannungsfeld von „Dialektik und Ökonomie“ (so auch der Untertitel von Der junge Hegel) bewege sich auch Lukács’ Rekonstruktion der Hegelschen Philosophie bis 1807.
Im dritten und letzten Teil des Vortrags standen Lukács’ Überlegungen zum Thema Arbeit und Teleologie im Mittelpunkt. Lukács unterscheide zwischen der rein selbstbezüglichen Tätigkeit des absoluten Geistes - für den der zwecksetzende Wille notwendig das Übergeordnete aller Arbeit darstelle - und dem Arbeitsprozess, in dem sich die Mittel und der Werkzeuggebrauch als das Höhere gegenüber den Zwecksetzungen erweisen. Da es Lukács gelinge, diese zwei unterschiedlichen Sichtweisen bei Hegel selbst nachzuweisen, erfolge damit zugleich der Nachweis der Ambivalenz des Hegelschen Arbeitsbegriffs - auch wenn er dabei unterschätze, wie weit Hegel - insbesondere im Systementwurf von 1805/06 - die wirkliche Arbeit nur als defizitäre Form der Selbstbezüglichkeit des Geistes auffasse.
Für eine solche Lesart der Phänomenologie werde ‚Entäußerung’ zum Zentralbegriff. Es gelte die Realität an ihrem Gesetztsein zu erkennen. Lukács unterscheide drei Stufen im Hegelschen Begriff der ‚Entäußerung’: 1. eine durch Arbeit konstituierte Subjekt-Objekt-Beziehung, die sich wegen des Mittelgebrauchs nicht als reine Telosrealisation fassen lasse. Auf dieser Stufe fehle der Ansatzpunkt einer Vereinheitlichung von Subjekt und Objekt, wie sie das Konzept einer umfassenden Aufhebung der Entfremdung anvisiere. 2. eine spezifische Subjekt-Objekt-Beziehung, die Lukács als Entfremdung innerhalb kapitalistischer Gesellschaften kennzeichne. Er kritisiere, dass Subjekt und Objekt von Hegel zu einer Einheit verschmolzen werden und somit Entfremdung naturalisiert werde. 3. eine breite Verallgemeinerung des Entäußerungsbegriffs selbst, der alle Gegenständlichkeit umfasse und diese als dialektisches Moment des zu sich zurückkehrenden Subjekt-Objekts begreife. Diese Stufe sei für Lukacs Ausdruck der Hegelschen Rückkehr zu einer „theologischen“ Auffassung von Teleologie. Es sei deutlich, dass Lukács zwar die Hegelkritik des jungen Marx der Pariser Manuskripte aufnehme, wo diese sich zum einen auf die kapitalistische Form der Entfremdung und zum andern auf die idealistische Aufhebung der Gegenständlichkeit beziehe. Zugleich werde jedoch eine implizite Abgrenzung von Marx sichtbar, der 1844 davon ausging, Geschichte könne begriffen werden, da ihm der „Communismus“ als die wahrhafte Auflösung allen Widerspruchs galt. Dieses Verständnis von Kritik als letzter Durchsichtigkeit bleibe bei Marx auf unvermittelte Weise immer verschlungen mit seinem eigenen Vermittlungsdenken. Dieser romantischen Erzählung - so beendete Arndt seinen Vortrag - schließe sich Lukács in Der junge Hegel erfreulicherweise nicht an und kritisiere Hegel auch dort, wo dieser sich einer Entfremdungsromantik verschreibe.
 

Christoph Jünke, Georg Lukács’ Probleme der sozialistischen Demokratisierung
Jünke ging es in seinem – dem unzweifelhaft Lukács-kritischsten – Beitrag dieser Tagung darum, in Anlehnung etwa an Aussagen Leo Koflers, jene „Widersprüchlichkeit der inneren Opposition zum historischen und politischen Stalinismus“, von der Georg Lukács zeit seines Lebens geprägt gewesen sei, zur Diskussion zu stellen. Er tat dies anhand von Lukács’ 1987 posthum erschienenen (und wohl auf das Jahr 1968 zu datierenden) Buches „Sozialismus und Demokratisierung“. Jünke kritisierte eingangs die Lukácssche Darstellung der bürgerlichen Demokratie als eine unzulässig verkürzte, da beruhend auf dem „Kurzschluss von Ökonomie und Politik“, durch den Politik „zur gleichsam ehernen Magd bürgerlicher Ökonomie“ degradiert werde. Die gesamte bürgerliche Demokratie erscheine als ein „undifferenziertes reaktionäres Ganzes ohne jede emanzipative Errungenschaft“. Dem hält Jünke entgegen, bürgerliche Demokratie gehe durchaus nicht in kapitalistischen Herrschaftsformen auf. Lukács ignoriere schlicht den „radikaldemokratischen Aufbruch“ Ende der 1960er Jahre, der sich doch – zumindest innerhalb neu-linker Strömungen – für die Alternative eines antikapitalistischen Sozialismus als durchaus offen erwiesen habe. An solcher verkürzender Demokratisierungsgeschichte zeige sich Lukács’ „realsozialistische Befangenheit“, die sich – mit Ausnahme des letzten Teils – für die gesamte Schrift konstatieren lasse. Alles in allem könne das Werk das von Lukács angewandte „schwache methodologische Handwerkszeug“ nicht verleugnen.
Zwar übe Lukács Kritik am historischen Stalinismus wie an der Person Stalins selber, doch sei sie alles andere als „originell“. Zudem verkläre er das Hauptdogma des Stalinismus, den Sozialismus in einem Lande, um dessen weltrevolutionären Kontext Lukács zwar wisse, dessen Prozeßcharakter er aber offenkundig verkenne. Damit aber legitimiere Lukács implizit die bürokratische Herrschaft, die Stalin zu errichten hoffte. An diesem Punkt – gestützt auf Aussagen Leo Trotzkis wie Rosa Luxemburgs – trenne sich zwangsläufig die russische von der internationalen Revolution. Jünkes Kritik erreichte an dieser Stelle ihren Höhepunkt und schlug überraschend in vorsichtige Anerkennung um. Lukács ringe sich unerwarteter Weise – im letzten Drittel der angeführten Schrift – zu einem „Bruch mit seiner Verstrickung in den Stalinismus“ durch und bemühe sich um eine grundlegend neue theoretische Fundierung des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus. In erster Linie müsse die „Selbsttätigkeit der Massen“ (Lukács) mobilisiert werden, da es in letzter Instanz darum gehen müsse, eine dem Menschen adäquate Arbeits- (und damit Lebensweise) zu ermöglichen. Erreicht werden könne solch ein Ziel allein in Form einer basisdemokratischen Veränderung gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse (etwa Rede- und Meinungsfreiheit). Lukács liefere damit – bei aller zu kritisierender „geschichtsphilosophischen Apologie der stalinistischen Erziehungsdiktatur“ – ein „beeindruckendes Plädoyer für die Erneuerung sozialistischer Rätedemokratie“.
 

Claudius Vellay (Paris): Die Stellung der Religion im Verständnis des Entfremdungsphänomens der Lukácsschen Ontologie
Für Claudius Vellay stellt Georg Lukács’ philosophisches Hauptwerk Ontologie des gesellschaftlichen Seins den umfassendsten Versuch der Erneuerung des Marxismus dar. Herausragend sei dabei die Rehabilitierung des Subjektiven als zentrales gesellschaftliches Phänomen sowie dessen dialektische Verbindung zur objektiven Sphäre. Dieses Projekt einer Ontologie münde bei Lukács schließlich in der Analyse gesellschaftlicher Entfremdungsphänomene, wozu er auch die archetypische Religion zählt.
In seinem Vortrag befasste sich Vellay mit ebendiesem Kapitel der Ontologie und unterschied in seinem Darstellungsteil zunächst zwischen dem Begriff der Entfremdung als ewige ‚condition humaine’ - beispielsweise im Existentialismus (Sartre im Anschluss an Heidegger) oder der Frankfurter Schule - und dem marxistischen Verständnis der Entfremdung als prinzipiell überwindbares gesellschaftliches Phänomen. Die durchgehend historisierende Methode von Lukács erfasse die Phänomene in ihrer Prozesshaftigkeit, die nicht nur eine entwicklungsgeschichtliche Herleitung der Religion liefere, sondern sich auch jeder verdinglichenden Auffassung des Menschen widersetzt, in welcher gesellschaftliche Zustände einer vermeintlich absoluten Notwendigkeit entspringen. Entfremdung werde bei Lukács definiert als Widerspruch zwischen der wachsenden Vielfalt der menschlichen Fähigkeiten und ihrer ethisch unbefriedigenden Synthese in der Persönlichkeit.
Vellay stellte heraus, dass Wissenschaft, Ethik und Kunst dem Menschen grundsätzlich die Möglichkeit zur Überwindung der Entfremdung bieten, für welche Lukács den Begriff des ‚Aufstiegs zur Gattungsmäßigkeit für sich’ geprägt habe, d.h. der Erhebung über seine in der ‚Gattungsmäßigkeit an sich’ verhafteten, unmittelbaren Eigenartigkeit. Sind diese Wege allerdings durch die gesellschaftlichen Verhältnisse versperrt, bleibe dem Menschen nur die religiöse Sublimierung in eine jenseitige Erlösung der individuellen Seele. Die Religion werde damit sowohl als phantastische Form der Selbstverwirklichung als auch entfremdeter Protest gegen die an sich entfremdenden gesellschaftlichen Verhältnisse aufgefasst. Zum Schluss betonte Vellay, dass für Lukács nur die reale Aufhebung der gesellschaftlichen Entfremdungsfaktoren eine geglückte und langfristige Aufhebung von Entfremdung und damit auch Religion generell möglich macht.

Britta Caspers / Niklas Hebing / Peter Kriegel

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Georg Lukács und 1968

Eine Spurensuche

 Statt eines Mottos:

 

Rudi Dutschke, Ausgewählte und kommentierte Bibliographie des revolutionären Sozialismus von Karl Marx bis in die Gegenwart. Erstmals gedruckt als Sondernummer der SDS-Korrespondenz Oktober 1966

 

„Die Schriften von Karl Korsch, Marxismus und Philosophie Leipzig 1923 (...) und von G. Lukacs, Geschichte und Klassenbewusstsein, Berlin 1923, sind die einzigen niveauvollen Versuche marxistischer Philosophie innerhalb der KP gewesen, in der Form ‚theoretischer Aktionen’, die (den) in der Organisation der Komintern und im Proletariat sichtbar werdenden Prozessen der Verdinglichung und Pragmatisierung der Marxschen Theorie entgegentreten.“

 

Karola und Ernst Bloch an R. Dutschke, Tübingen 11.6.1971:

 

„Lieber Rudi, der Tod von Lukács hat uns sehr getroffen; bis zum Schluß haben wir mit ihm wegen Angela Davis korrespondiert und wussten gar nicht, dass er an Lungenkrebs erkrankt war, seit Monaten ein Todeskandidat. Er hinterlässt ein immenses Werk, und doch wünschte man ihm ein Tizian-Alter – er hatte noch so vieles vor.“

 

Um einen Satz von Georg Seeßlen zu variieren: Die deutsche Öffentlichkeit (zumindest die intellektuelle) war in den sechziger Jahren in das frühe Werk des deutsch schreibenden Ungarn Georg (von) Lukács verliebt. Im nächsten Jahr wird die 68er Revolte vierzig Jahre alt. Anlass genug auszuloten, welche Rolle Lukács in diesem Schauspiel zukam.

Zweifellos war Lukács nicht wie Herbert Marcuse ein offensichtlich prominenter Protagonist, der auf allen Bühnen (denen der Straße, der Hörsäle, der Medien) Präsenz zeigte, aber die Zahl der Berührungspunkte zwischen dem Philosophen, der inzwischen emeritiert und eher zurückgezogen vom Donauufer in Budapest die Revolte beobachtete, und den revoltierenden Träumern (Bertolucci) ist beachtlich.

Die geistigen Stichwortgeber der Revolte, bei uns zumal die Kritische Theorie, hatten die Grundbausteine ihrer Gegenwartsdiagnose Lukàcs` knapper, aber verdichteter Phänomenologie der Verdinglichung in „Geschichte und Klassenbewusstsein“ entlehnt. Sie bemühten sich nicht selten, diese Herkunft zu verschleiern. Jürgen Habermas, der designierte Kronprinz der intellektuellen Revolte, markierte in seinem Hauptwerk, der „Theorie des kommunikativen Handelns“, welchen Stellenwert für sein Frühwerk (zumal für „Theorie und Praxis“) Lukács hatte.

Als es darum ging, die Aktualität von „Geschichte und Klassenbewusstsein“ zu testen, traf sich die (damalige) Creme der (damals) radikalen intellektuellen Intelligenz zum Zwecke der bilanzierenden Abrechnung: Krahl und Negt, Claussen und Furio Cerutti sowie Alfred Schmidt. Die Diskussion wurde in dem Band „Geschichte und Klassenbewusstsein heute. Verlag de Munter. Amsterdam.Schwarze Reihe Nr. 12. 1971“ standesgemäß dokumentiert. Zum Glück fehlte Herr Cohn-Bendit bei der Diskussion im November 1969. 

Rudi Dutschke war kein Zögling der Frankfurter Schule. Ihn zog es zu Bloch (und auch zu Marcuse), aber seine intellektuellen Sporen versuchte er sich in der Auseinandersetzung mit Lenin und jenem Lukács zu verdienen, den er mit Genossen in Budapest aufsuchte, um eine Orientierung im revolutionären Kampf in den Metropolen zu finden.

Als der SDS Geschichte zu werden begann, konnten die diversen K-Gruppen in Lukács` Schriften zur Organisationsfrage Antworten (oder zumindest intelligente Fragen) suchen. Lukács, der Mann der authentischen Metamorphosen, bot hinreichend Gelegenheit, sich zwischen Rosa Luxemburg und W.I. Lenin zu verorten, über Probleme der revolutionären Gewalt nicht nur im Deutschen Herbst zu reflektieren und sich auf höherem Niveau im Fraktionskampf zu üben. Und sich dabei abzugrenzen von Stalinisten oder jenen Maoisten (darunter Sartre und Althusser), die Chinas Kulturrevolution gründlich missverstanden als das Utopia der permanenten Revolution von unten. 

Lukács` Denken zog aber auch ein in den universitären philosophischen und einzelwissenschaftlichen Diskurs ein. Wenn man etwa Christa Bürgers Autobiographie liest, beobachtet man die Schwierigkeiten dieser Initiation hierzulande, an den später üblichen Polemiken gegen die literatursoziologische Wende in den Literaturwissenschaft kann man aber erkennen, wie stark die Neuerungen gewesen sein müssen (vgl. den von S. Vietta u. D. Kemper hrsg. Band „Germanistik der 70er Jahre. Zwischen Innovation und Ideologie. Fink Verlag München 2000).

Zum Komplex „Lukács und 1968“ gehören aber natürlich auch die Auswirkungen im sozialistischen Lager selbst: Am deutlichsten in des Philosophen Heimatland (zumal im Umfeld der Budapester Schule, die sich dem Projekt einer Renaissance des Marxismus verschrieben hatte), aber auch in der DDR, wovon zaghaft und aufs Ästhetische limitiert Werner Mittenzweis Sammelband „Dialog und Kontroverse mit Georg Lukács. Reclam Leipzig 1975“ Auskunft gibt, während die Schriften der 20er Jahre immer noch in den Giftschränken der philosophischen Institute verschlossen blieben. György Markus hat davon berichtet, wie rigide man dieses am Moskauer Philosophischen Institut handhabte.

Als Lukács starb, waren seine Schriften in den wichtigen westlichen Ländern per Raubdruck oder ganz legal (1968 hatte Lukács endlich dem Verlangen nachgegeben, einer Neuausgabe von „Geschichte und Klassenbewusstsein“ zu erlauben) erstaunlich verbreitet und viele Länder hatten ihre eigene Geschichte mit Lukács` Werk. In einem intellektuellen Klima, in dem der Marxismus endlicher unverzichtbarer Bestandteil der Kultur geworden zu sein schien, kam Lukács` Werk selbstverständlich ein Klassikerstatus zu. Doch: was ist von dieser erstaunlichen Renaissance geblieben? Gerade in den Kreisen der alten 68er ist die fixe Idee verbreitet, der Spuk der 68er Revolte sei vor allem ein peinliches Missverständnis gewesen, eine Projektion. Vor diesem Hintergrund (und selbstredend vor dem Background des Scheiterns des sozialistischen Experiments) erscheint das damalige Lukács-Revival leicht als ein zeitgeistbedingtes Missverständnis: Die Mittelschichtskinder in Paris, Berkeley und Berlin träumten von dem großen Kampf, dem Finale zwischen Bourgeoisie und Proletariat, zwischen Manipulation und Individualität, zwischen marionettenhafter Heteronomie und ekstatischer Selbstverwirklichung. Lukács wurde zu dem großen marxistischen Philosophen, auf Augenhöhe mit Ludwig Wittgenstein und Martin Heidegger.

Auch Lukács selbst (nicht nur die leichter entflammbare Agnes Heller) ließ sich etwas von der Euphorie der Bewegung anstecken. Im Spiegel-Interview von 1970 (also ein Jahr vor seinem Tod) sagt der Patriarch des Westlichen Marxismus: „Momentan stehen wir am Anfang einer revolutionären Erschütterung.“  Auch wenn er der Studentenrevolte nicht kritiklos gegenübersteht, versucht er ihr etwas Gutes abzugewinnen: „Wenn Sie von der Studenten-bewegung sprechen, muß ich sagen, die Grundlage der Studentenbewegung ist zweifellos etwas Gesundes. Wenn ich die Studentenbewegung kritisieren würde, würde ich nur ihren Happening-Charakter kritisieren, nämlich die Illusion, mit einem Streik oder mit mehreren solchen Skandalmachereien Entwicklungslinien zu ändern, die vorerst begriffen werden müssen, um überhaupt eine Veränderung eintreten zu lassen und wo genau untersucht werden müsste, wo die eigentlichen Reformen beginnen.“ Selbst die Illusionen der Revoltierenden verteidigt der dezidierte Verächter des Prinzips Hoffnung mit einem historischen Verweis, „daß es ohne Maschinenstürmerei keinen Marxismus geben würde“.

Als sich der Rauch über den Pariser Barrikaden verzogen hatte und Lukács 1971 verstorben war, beendete die Intelligenz ziemlich abrupt ihre Liaison mit dem Marxismus (nicht nur dem dogmatischen) und es begann die (je nach Temperament quälende oder sarkastische) Reflexion: Wie konnte es zu der Lukács-Renaissance der 60er/ 70er Jahre kommen? Zu der Inflation der Studien über Warenästhetik, Wertformanalyse, materialistische Dialektik, Ideologiekritik, das Verhältnis von Marx und Hegel, Klassenbewusstsein und Proletariat, subjektiven und objektiven Faktor, Theorie und Praxis, materialistische Ästhetik, Proletkult usw. usf.?

Um die Frage einigermaßen plausibel beantworten zu können, empfiehlt es sich, die Betroffenen, die Protagonisten der Affäre, zu befragen und den Schatz ihrer Erinnerungen zu nutzen, ehe es zu spät ist. Aber es ist mindestens genauso interessant, neben den sog. Alt-68ern die Generation zu Wort kommen zu lassen, für die Globalisierung und der vorläufige Sieg des „Manipulations-Kapitalismus“ (Lukács), des American way of life selbstverständliche Alltagserfahrungen geworden sind und die sich in einer kulturwissenschaftlich geprägten philosophischen Umwelt zu behaupten verstehen. Hat sich das Abarbeiten an den oben genannten Themenkomplexen, objektiviert in einer Unzahl mehr oder minder akademischen Arbeiten, gelohnt oder muss im Rückblick von einer Sackgasse gesprochen werden, in die sich eine ganze Gruppe geistiger Arbeiter verirrte? Oder hat gar Volker Breidecker Recht gehabt, als er in der FAZ vom 25. 1.2001 meinte: „ In der an Tragödien armen Zeit der späten sechziger und frühen siebziger Jahre, auf dem Höhepunkt einer zweiten Belle Èpoque (...) war mit der Wiederaneignung von Lukács` Lehren das verführerische Angebot an eine neue Generation verbunden, das ennyante Leben in lange entbehrte tragische Formen zu gießen. War die Politik nur ein Vorwand, eine laue Ausrede? Unter dem Pflaster lag der Samt, und der war plüschig und hatte seine Kuschelecken.“

Wir würden uns – wie schon bei früheren Dossiers – freuen, wenn Sie Zeit fänden, einen Beitrag zum Projekt beizusteuern. Dabei spielt es keine Rolle, ob Ihr Beitrag eher historisch oder aktualisierend, eher essayistisch-biographisch oder systematisch angelegt ist. Es scheint mir wichtig, die Spurensuche durchzuführen, bevor der Schutt über den Spuren sich so hoch geworden ist, dass die Spurensicherung extrem mühselig und aufwendig wird. Wir möchten im nächsten Jahrbuch unserer Gesellschaft das Dossier „Georg Lukács und 1968“ publizieren. Die Beiträge sollten  in der Regel 20 Seiten nicht überschreiten. Redaktionschluss ist der 1.2.2008. Schicken sie bitte Ihre Antwort an meine Essener oder meine E-mail-Adresse.

Mit hoffnungsvoll-freundlichem Gruß

Rüdiger Dannemann, Essen, im April 2007

 

 

 Dr. Rüdiger Dannemann

Am Sonnenhang 60

45289 Essen

Email: ruedannemann@web.de

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Zwischen dem 11. und 12. Mai 2007 findet an der Ruhr-Universität zu Bochum eine Öffentliche Fachtagung zum Thema Georg Lukács: Kritiker der unreinen Vernunft statt. Veranstalter sind das Gesellschaftwissenschaftliches Institut Bochum und die Internationale Georg-Lukács-Gesellschaft e.V. Förder sind die Rosa-Luxemburg Stiftung Berlin und der AStA der Ruhr-Universität Bochum.

Hier der vorgesehene Zeitplan (Alle Veranstaltungen sind im Raum HGA 20):

Freitag, 11. Mai:

19.00 Uhr Begrüßung durch Werner Jung (Internationale Georg-Lukács-Gesellschaft) und Christoph J. Bauer (Gesellschaftwissenschaftliches Institut Bochum)

19.15 Uhr Eröffnungsvortrag: Frank Benseler: Wie modern ist Lukács?

Anschließend Empfang  

Samstag, 12. Mai:       

9.00 Uhr Zsuzsa Bognár: Der junge Lukács und die zeitgenössische Literatur.

10.15 Uhr Doris Zeilinger: Präsenz - Augenblick. Zur Theorie der Zeit bei Ernst Bloch und Georg Lukács.

11.30 Uhr Rüdiger Dannemann: Verdinglichung, Enfremdung und Anerkennung. Über die Aktualität und gegenwärtige Aktualisierungsversuche eines zentralen Begriffs der Philosophie Georg Lukács'.

Mittagspause 

14.00 Uhr Andreas Arndt: Arbeit und Entäußerung. Anmerkungen zu Lukács’ Der junge Hegel.

15.15 Uhr Christoph Jünke: Georg Lukács und die Probleme der sozialistischen Demokratisierung.

16.30 Uhr Claudius Vellay: Die Stellung der Religion im Verständnis des Entfremdungsphänomens der Lukácsschen Ontologie.

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Am Samstag den 18.11.2006 fand in der Kulturbrauerei Berlin, veranstaltet durch die Literaturwerkstatt und in Kooperation mit der Bundeszentale für politische Bildung "Befreit Lukács!" statt. Mit dabei waren unter anderem:

Dr. Rüdiger Dannemann Internationale Georg-Lukács-Gesellschaft

Dr. Sebastian Kleinschmidt Sinn und Form

Dr. György Fehéri Collegium Hungaricum Berlin

György Dalos "Ungarn 1956"


Das Jahrbuch der Internationalen Georg-Lukács Gesellschaft (9/2005) ist erschienen. Es kann im Aisthesis-Verlag zum Preis von EUR 29,80 bestellt werden.

Das Jahrbuch der Internationalen Georg-Lukács Gesellschaft (8/2004) ist erschienen. Es kann im Aisthesis-Verlagzum Preis von EUR 29,80 bestellt werden.

Das Jahrbuch der Internationalen Georg-Lukács Gesellschaft (7/2003) ist erschienen. Es kann bei Aisthesis zum Preis von EUR 29,80 bestellt werden.


Aufruf und Erkundung

Zu einem verspäteten, aber notwendigen Dialog zwischen Georg Lukács und Theodor W. Adorno

Lorenz Jäger nennt in der FAZ vom 5. November 2002 einen Brief Adornos an dessen Jugendfreund Siegfried Kracauer aus dem Jahr 1925 "den eigentlichen Edelstein" des gerade edierten Bandes "Ontologie und Dialektik". Darin beschreibt der spätere Vordenker der Frankfurter Schule eine Begegnung mit Georg Lukács wie folgt: "Mein erster Eindruck war groß und tief; ein kleiner, zarter, ungeschickter Ostjude mit einer talmudischen Nase und wunderbaren, unergründlichen Augen; in einem leinernen Sportanzug recht gelehrtenhaft, aber mit einer ganz konventionslosen, totenhaft klaren und milden Atmosphäre um sich, durch die von der Persönlichkeit nur Schüchternheit leise durchdringt." Dieser "exemplarische kommunistische Intellektuelle" hat ohne Zweifel mit seinem bedeutenden Frühwerk, zumal der "Theorie des Romans" (1920) und "Geschichte und Klassenbewusstsein" (1923), die spätere Kritische Theorie der Frankfurter Schule außerordentlich stark beeinflusst. Trotz einiger Versuche (ich nenne nur exemplarisch die Arbeiten von Martin Jay und Rolf Wiggershaus) ist das Verhältnis von Adorno zu Lukács und umgekehrt noch wenig erforscht. Das hat vielerlei Gründe. Die vorsichtigen Vordenker der Kritischen Theorie suchten bereits in den dreißiger Jahren die marxistischen und neomarxistischen Ingredienzien ihrer Konzepte sorgfältig zu verschleiern. Am dramatischsten (so die Formulierung von Axel Honneth) ist diese Tendenz sicher im Falle von Adorno, dessen Zeitdiagnosen und sozialphilosophische Basisüberlegungen in zum Teil frappierender Weise denen Lukács` verwandt sind. In den Zeiten des kalten Krieges hatte die vorurteilsfreie Untersuchung der Verwandtschaftsbeziehungen überhaupt keine Chance mehr. Adorno starb dann zu früh, um den verpassten Dialog unter dem Eindruck der Bewegung von 1968 nachzuholen. Der 100. Geburtstag Adornos am 11. September 2003 ist für uns der Anlass, einen Anlauf zu machen, das Versäumte nachzuholen. Der Dialog - hoffentlich jenseits der Polemiken - könnte vielerlei Facetten aufweisen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit skizziere ich einige der möglichen Aspekte.

1. Das Problemfeld "Ontologie": Adornos "Negative Dialektik" (aber natürlich auch seine Studie über den "Jargon der Eigentlichkeit") nehmen aus "Geschichte und Klassenbewusstsein" vertraute Argumentationsmuster auf. Adorno wie Lukács treten zudem als massive Kritiker der Heideggerschen "Ontologie" auf. Weitgehend unerforscht ist schließlich, wie die späte "Ontologie des Gesellschaftlichen Seins" entweder von Adorno her zu kritisieren oder als Kritik an dessen negativer Dialektik zu begreifen wäre.

2. Das Problemfeld Sozialphilosophie/ Methodologie der Sozialwissenschaften: Natürlich sind die sozialphilosophischen Basisintuitionen der beiden Denker, die im Konzept der Verdinglichungskritik nicht nur marginal konvenieren, Anlass, unter den Prämissen der Globalisierung die Zeitdiagnosen Lukács`und Adornos erneut auf den Prüfstand zu stellen. Nach einer Phase des Totschweigens und plakativen Negierens ist inzwischen das Interesse an marxistisch inspirierten Zeitdiagnosen wieder erwacht (vgl. etwa das Märzheft der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, deren Schwerpunkt "Marx in der Diskussion" war). Die Kritiker der (klassischen oder neoliberalen) kapitalistischen Warenproduktion finden wieder Zuhörer, die sich für die feinen Differenzierungen zwischen neomarxistischen und kritisch-theoretischen Ansätzen durchaus interessieren. Adornos Anleihen an Lukács` methodologischen Reflexionen im Positivismusstreit verdienen endlich eine gebührende Beachtung.

3. Grundlagenprobleme der Äathetik: Nachdem die Schlachten um den Realismus oder den Expressionismus in die Annalen der Literaturgeschichten eingegangen sind, ist es Zeit, die thematische und grundbegriffliche Ähnlichkeit der großen ästhetischen Entwürfe unserer Protagonisten einer ernsthaften wissenschaftlichen Arbeit zu unterziehen. "Die Eigenart des Ästhetischen" (1963) und Adornos "Ästhetische Theorie" weisen erstaunliche strukturelle Parallelen auf, zentrale Kategorien (etwa die der Besonderheit) und Probleme (etwa das der Naturschönheit) sind ähnlich, trotz aller konzeptionellen Divergenzen.

4. Kunst- und Literaturwissenschaft: Die Behandlung von kunst- und literaturtheoretischen Einzelfragen bei Adorno und Lukács ist noch nahezu unerforscht. So vermisst man bis heute - um nur ein Beispiel anzuführen - eine auch nur einigermaßen anspruchsvolle Untersuchung der musiktheoretischen Ansätze des ungarischen Philosophen und eines der Protagonisten des Instituts für Sozialforschung. Dabei ist es nicht ausgeschlossen, dass eine neuerliche Lektüre der entsprechenden Grundlagentexte tief sitzende Voreingenommenheiten auf nicht nur einer der beiden Seite feststellen würde.

5. Lukács wie Adorno sind zentrale Figuren der europäischen Ideengeschichte der Nachkriegszeit. Eine weniger parteiliche Beschreibung ihrer Rollen und ihrer Biographien könnte die Umrisse der letzten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts besser verstehen lassen. Nach dem Scheitern des realsozialistischen Projekts und in den Zeiten des Problematischwerdens der pax americana sind die Bedingungen für eine unvoreingenommene Sichtung der Quellen besser als zuvor.

Wir würden uns freuen, wenn Sie die Zeit fänden, einen Beitrag zu einem der genannten Aspekte beizusteuern. Der Diskursbruch zwischen dem Neomarxismus Georg Lukács` und der Kritischen Theorie eines Theodor W. Adornos gehört zu den Trauerspielen der linken Intelligenz des 20. Jahrhunderts. Aus ihnen kann man unseres Erachtens viel lernen, wenn man bereit ist, in Adornos Ontologie nicht nur das "Aroma von hauchzartem Edelkommunismus" (so Jäger) zu schmecken und bei Lukács nicht nur nach den Zerstörungen von dessen Vernunft Ausschau zu halten.

Ich freue mich auf Ihre Antwort, die sicher nicht ohne Widerspruch zu dem von mir Formulierten, mehr noch zum Implizierten stehen wird.

Mit freundlichem Gruß

Rüdiger Dannemann


Der Band zur Tagung im Juni 2001 Sozialismus und Demokratie. Georg Lukács' Überlegungen zu einem ungelösten Problem. Hgg. von Werner Jung und Antonia Opitz. Leipzig, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, 2002 ist erschienen. Er kann direkt bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung für 9,50 EUR zzgl. Versand- und Portokosten bezogen werden.

Inhalt:
Monika Runge, Leipzig: Defizite und Anknüpfungspunkte zur "demokratischen Erneuerung des Sozialismus" bei Georg Lukács; Frank Benseler, Paderborn: Begrüßung; Rüdiger Dannemann, Essen: Rückbewegung und Basisdemokratie; László Illés, Budapest: Georg Lukács' Ansichten über die Demokratisierung - aus heutiger Sicht; Udo Tietz, Berlin: Demokratietheoretische Defizite in der Demokratietheorie von Georg Lukács; Hans-Martin Gerlach, Mainz/Leipzig: Zwischen "Dialektik der Aufklärung" und "Zerstörung der Vernunft". Horkheimer/Adorno, Cassirer und Lukács - Versuch eines Vergleichs dreier philosophischer Zeitanalysen; Klaus Schuhmann, Leipzig: Positionsbestimmung bei Lukács und Brecht zu Beginn des Exils 1933/34; Volker Caysa, Münster/Leipzig: Lukács' Ontologie und das Problem einer analytischen Onto-Anthropologie; Erich Hahn, Berlin: Zum Ideologiebegriff bei Lukács; Eberhard Braun, Heilbronn: Das unvollendete letzte Meisterwerk im Grundriß. Projekt einer gesellschaftskritischen Ethik in demokratischer Perspektive; Frank Richter, Freiberg: Was ist die Alternative zum "leichtsinnig-fröhlichen Surfen auf der Oberfläche postmoderner Strategeme"?


Nachdem diese Homepage einige Irritationen überstanden hat und leider seit dem vergangenen Jahr nicht mehr aktualisiert worden ist, bemüht sich der Vorstand der Internationalen Georg Lukács-Gesellschaft nun darum, wenigstens zweimal jährlich mit Aktualitäten, mit Hinweisen auf die Arbeit der Gesellschaft, auf Publikationen im Umfeld Lukács' und Lukácsscher Themenfelder und -gebiete aufzuwarten.

Im letzten Jahr, dem Jahr des 30. Todestages des ungarischen Philosophen, haben zwei Tagungen stattgefunden, die sich mit Werk und Person Georg Lukács' sowie dem Erbe der Lukácsschen Philosophie beschäftigt haben: im Rahmen der Karlspreis-Verleihung der Stadt Aachen an den ungarischen Schriftsteller und Essayisten György Konrad hat ein kleines, eintägiges Symposion stattgefunden, auf dem neben Frank Benseler und Werner Jung für die Lukács-Gesellschaft, die auch als Mitveranstalterin aufgetreten ist, noch Agnes Heller, Istvan Eörsi und György Dalos mit z. T. persönlichen Erinnerungen an den großen ungarischen Denker und sein Wirken in Budapest mitgewirkt haben. Der Beitrag von György Dalos wird im nächsten Jahrbuch abgedruckt werden; ein Interview mit Agnes Heller, das unser Mitglied Jürgen Meier in Aachen geführt hat, findet sich in der Wochenzeitung ‚Freitag' (Nr. 27, 29. 6. 2001). Eine Tagung, die die Gesellschaft gemeinsam mit der Rosa Luxemburg-Stiftung Sachsen in Leipzig am 9. Juni 2001 durchgeführt hat, beschäftigte sich mit dem vom späten Lukács aufgeworfenen Themenbündel von Sozialismus und Demokratie - äußerst kontrovers, wie nicht anders zu erwarten. (Vgl. dazu die Kongressbesprechung in: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung. Nr. 47. September 2001. S. 194ff.). Ein Sammelband, der alle Referate dieser Tagung enthält, ist im Druck und kann bald sowohl über unsere Gesellschaft wie auch direkt bei der Rosa Luxemburg-Stiftung Sachsen bezogen werden.

Seit dem letzten Jahr ist unsere Gesellschaft außerdem Mitglied der AG literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten e.V (=ALG) und verfügt damit über zusätzliche Möglichkeiten, für Projekte wie Tagungen und Symposien, aber auch Publikationen Förderungsmittel einzuwerben. Ein aktueller Projektantrag läuft bereits bei der ALG, der sich in Zusammenarbeit mit dem ungarischen Lukács-Archiv (unter Federführung von Laszlo Sziklai und Miklos Mesterhazi) um die Publkation von bislang unveröffentlichten oder nicht in deutscher Sprache publizierten ästhetischen und polemischen Essays aus den 30er bis 50er Jahren bemüht. Geplant ist dieser Band unter dem Titel "Was ist das Neue in der Kunst?" für den Herbst 2002 im Aisthesis-Verlag als weitere Publikation der Schriftenreihe der Lukács-Gesellschaft, die im letzten Jahr mit dem Aufsatzband von Werner Jung: Von der Utopie zur Ontologie. Zehn Studien zu Georg Lukács. Bielefeld, Aisthesis, 2001, eröffnet worden ist. Weitere Bände sind in Vorbereitung bzw. Planung, so ein Interview-Band, der Lukács' späte Interviews aus den 60er Jahren enthält, aber auch noch ein Sammelband von Frank Benseler, der einen Überblick über das jahrzehntelange Bemühen des deutschen Lektors und kritischen Lesers Benseler um den ungarischen Philosophen vermittelt.

Vor dem Abschluß steht auch der sechste Band des Jahrbuchs, in dem Beiträge u. a. von Tom Rockmore, Michel Löwy, Fredric Jameson, Manfred Durzak, Endre Kiss und György Dalos enthalten sind - neben einigen Lukács-Texten, wie sich von selbst versteht.

Lukács-Symposion 2001: Istvan Eörsi (re.) und Agnes Heller (2.v.re.)
Lukács-Symposion 2001: Agnes Heller (re.)

Seit diesem Jahr bemühen wir uns darum, auf der Homepage der Gesellschaft sukzessive den unpublizierten Nachlaß des ungarischen Philosophen zu erschließen und in einer Netzversion (zunächst) zugänglich zu machen. Dasselbe gilt auch für die Texte der Lukács-Bände aus der Werkausgabe, die seinerzeit im Luchterhand-Verlag nicht mehr realisiert werden konnten und deren Veröffentlichung an dieser Stelle vorgesehen ist.

Weiterhin soll diese Homepage auch ein Diskussionsforum über Lukács, die Lukácssche Philosophie und Theorie auf allen Ebenen und Feldern sowie über ein Denken im Anschluß an Lukács darstellen, was bedeutet, daß Platz auf ihr sein wird für kritische Auseinandersetzungen mit dem Ungarn genauso wie für philologische Beiträge - deshalb sind Zuschriften und Artikel durchaus erwünscht (nicht nur in deutscher, sondern auch französischer und englischer Sprache) und an den Vorstand zu richten. Endlich soll auf dieser Homepage - entsprechende Anfragen laufen bereits - über Aktivitäten rund um Lukács - wo auch immer - informiert werden.

Aus gegebenem Anlaß möchten wir noch darauf hinweisen, daß über den Vorstand der Gesellschaft diese inzwischen von den Verlagen remittierten Bücher zu Sonderpreisen bezogen werden können:

- Rüdiger Dannemann/Werner Jung (Hg.): Objektive Möglichkeit. Beiträge zu Georg Lukács' "Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins". Opladen 1995 (statt DM 58 jetzt 14 Euro)

- Frank Benseler/Werner Jung (Hg.): Lukács 1996. Jahrbuch 1 der Internationalen Georg Lukács-Gesellschaft. Bern 1997 (statt DM 47 jetzt ebenfalls 14 Euro)

- Frank Benseler/Werner Jung (Hg.): Lukács 1998/99. Jahrbuch Bd. 3. Paderborn 1999 (statt DM 48 jetzt ebenfalls 14 Euro)

- Luchterhand-Plakat: Georg Lukács - Das Schicksal der Revolution hängt vom Klassenbewusstsein ab (antiquarisch - selten, 5 Euro)

Die anderen Jahrbücher wie auch Bände der Schriftenreihe können dagegen direkt beim Aisthesis-Verlag (für Mitglieder der Gesellschaft mit entsprechenden Rabatten) erworben werden.