| Georg
Lukács
ERZÄHLUNGEN VON DÁNIEL JÓB 1)
Jede Erzählung zeichnet die schöne Verwahrlosung eines Menschen, eines Menschentyps, und die Schönheit ist überall dasselbe: der Höhepunkt im Leben eines solchen Menschen, der Höhepunkt, der zugleich auch ein Stürzen ist. Jeder Höhepunkt ist ein großartiger Moment der Liebe, und wenn man dort ankommt, wohin man - lauter Solnesse der Liebe - sich immer sehnte, kommt der Sturz in den Abgrund, ins Nichts, ins gewöhnliche Leben, in ein Leben, das kein Leben ist, und aus diesem Leben kann man nicht fliehen, diesem Leben folgt keine Auferstehung und sie kann auch nicht erfolgen: ein Absturz ins bürgerliche Leben. Dies ist die letzte, wunderbare Blüte einer müden, ziellosen Romantik, die nie mehr ein Ziel finden kann, es ist die Poesie der Verwahrlosung eines verfallenden, abwärts neigenden Menschentypes. Die Welt der Erzählungen von Dániel Jób ist die Welt der seelischen Entwurzelten. Die Welt solcher Menschen, deren ganzes Leben und Lebensenergie mit allen Möglichkeiten etwas zu werden, bei einem anderen Menschen liegen: bei jemanden, den sie lieben werden, wie man nicht lieben kann, und von dem sie geliebt werden kann. Menschen, die alles auf eine Karte setzten, und zwar auf eine solche, die nicht einmal mit im Spiel ist, wenn es gespielt wird; Menschen, die ihre ganze Existenz auf eine unvermeidliche Täuschung gebaut haben, und sie brechen zusammen, wenn es zum Unvermeidlichen kommt. Pester Menschen, ungarische Menschen, solche, die dem sie umgebenden Leben keinerlei Ziele und keine Inhalte abgewinnen können, sie haben nur die geheime Poesie ihrer Seele als Lebensinhalt, und - da sie ihre Gedichte nicht schreiben sondern leben wollen - diese Poesie muß verschmutzt, verdreckt, sich selbst und anders besudelnd verkommen. Die
Poesie von Dániel Jób ist - zwar unbewußt - die neue
Paraphrase der ungarischen Gedichte von Endre Ady. Dies ist die Lyrik
der endgültigen Ergebnisse, die keine Ursachen sucht, niemanden anklagt,
sich nicht ärgert (wie Endre Ady). Dennoch stellt sie diese Seelenzustände,
diese Lebensmöglichkeiten mit mutiger Erbitterung fest als die einzig
mögliche Form menschlichen Seins. Die Welt des "Ur-Tückeboldes"
: Diese Erzählungen handeln von den Tragödien pester Verlotterungen, und aus ihnen klingen duftige Erinnerungen an budaer Spaziergänge, vermischt mit der raucherfüllten, fruchtlosen Atmosphäre der pester Kaffeehäuser. Diese Prosa enthält selbst in ihren mit tiefsten Sehnsüchten erfüllten Seufzern - gespensterhaft - das sichere Vorgefühl der Enttäuschung, in ihren heftigsten Schmerzen das distanzierende Alles-in-Frage-Stellen des Intelligenzlertums der Kaffeehäuser, und in ihrer am meisten mondbeschienen Romantik den seltsamen Zynismus jener Welt. Dániel Jób ist vielleicht der erste, der diese Extremitäten zugleich darbieten kann, wie sie organisch auseinander erwachsen und in allen Augenblicken sich vermischen, wie sie an den Grenzen, im Augenblick der Kollision von "schon" und "noch" wirklich existieren. Deshalb - infolge der inneren Musik seines Stils - halten wir seine Poesie für die Dichtung des heutigen Pest, obzwar darin nur ab und zu pester Motive zu finden sind, und davon, was den breitesten Rahmen dieser Tragödien und ihrer Poesie bildet, ist in seinen Erzählungen nie die Rede. Trotzdem - sage ich - gibt es irgend etwas in seiner Betonung, in seinen Hervorhebungen, Verschweigungen, woher er seine Gleichnisse nimmt und was und womit er vergleicht. Dies schafft mit spontaner Kraft die ganze eigenartige Stimmung dieser Welt; es gibt irgend etwas im Rhythmus vom Schicksal seiner Menschen, in der Vermischung der Lebenselemente, was nur hier und jetzt möglich ist. Es ist eine eigenartige, gänzlich paradoxe Erscheinung, wie Lyrik dieser lauen, indiskreten, laut klagenden und sich schreiend freuenden Stadt in den Schriften eines solch unendlich sensiblen, nur artistischen, alle heftigen Wirkungen meidenden Künstlers zum Ausdruck kommt. Sein pester Wesen ist so sehr nur in der Atmosphäre vorhanden, die die Dinge einhüllt, daß jene, die es für notwendig und bequem halten, jede Neuigkeit - wenn sie nicht mehr für schlecht erklärt werden kann - wenigstens für fremd, für nicht hier gewachsen zu befinden, unbezweifelbar von ihm verkünden können, daß seine Erzählungen nur das Ausland nachäffen und in keinerlei Zusammenhang mit unserem Leben stehen. Sie können es ruhig sagen, da es hier nicht einmal für die Lebenden welche gibt, die es hören wollen, wie könnte es welche für die Verschwiegenen geben? Übersetzung von Júlia Bendl Anmerkungen: 1) Ifjúkor. Elbeszélések. Budapest, 1908 [Jugend. Erzählungen. Budapest, 1908] (zurück) 2) Endre Ady: Erzkujon. Übersetzung von Franz Fühmann (zurück)
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