Georg Lukács: "Hochzeit" Von Emil Strauß. In: Pester Lloyd. Jg. 55, Nr. 50 (8.März 1908), S. 21

"Hochzeit." Von Emil Strauß. Berlin, S. Fischer, 1908. Es ist nicht ganz klar, warum Strauß für diese schöne Novelle die dramatische Form gewählt hat. Denn die Form ist hier mit beweußter Absicht gewählt, sie wächst nicht spontan und organisch aus dem Wesen des Stoffes heraus, und sie ist dazu nicht glücklich gewählt. Nicht das äußerlich Effektvolle fehlt; das könnten wir leicht vermissen. Was dem Stück fehlt, ist das innerlich Dramatische, und eine viel größere Kraft und Routine als die Emil Strauß' könnte hier auch kein echtes Drama gestalten. Von ewig siegender Jugend unddem innerlich geschlagenden Alter hören wir hier. Beim ersten Zusammenstoß ist der Kampf entschieden, und so schön auch Strauß die Entwicklung seiner Heldin aus einer gehorsamen und seelisch unfreien Tochter und Braut zum klaren und bewußt glücklichen Menschen gestaltet, kann eben deshalb keine dramatische Spannung entstehen. Nur der Kampf mit dem Schicksal kann ein Einzelkampf ins Dramatische, ins Allgemeine erhöhen, und da dieser Kampf hier nicht zustande kommen kann, bleibt das Los des Helden etwas einmal und nie wieder Geschehendes, etwas Isoliertes, eine Novelle und kein Drama. G. v. L.