Georg Lukács: Motive. Essays von Rudolf Kassner. In: Pester Lloyd, Jg. 54, Nr. 297 (15. Dez. 1907). S. 14

Motive. Essays von Rudolf Kassner. Berlin. S. Fischer, 1906. Nach zwei schönen, von einer stellenweise schwer verständlichen, meistens aber prachtvoll klar empfundenen Mystik erfüllten Büchern (ich meine das schöne Erstlingswerk: "Die Mystik, die Künstler, das Leben" und "Die Moral der Musik") wurden diese Skizzen gewiß in erster Reihe zur eigenen Sammlung geschrieben. Sie bringen daher dem Kenner der frühen Werke Kassner´s nichts wesentlich Neues; sie sind kaum mehr als - um nicht zu sagen Anwendungen seiner Theorie - Variationen alter Lieder. Und doch ist es ein buntes und reiches Buch: Kirkegaard steht am Anfang und Hebbel bildet den Schluß. Dazwischen ist von Baudelaire und Emerson, von Rodin und dem Abbé Galiani, von dem Browning-Paar und von altsämischen Teppichen die Rede. Dabei wächst jeder Essay weit über den Rahmen hinaus. Kaßner kennt zwar die kurzen Wege, aber er liebt sie nicht, und glaubt, daß nur Derjenige das Recht hat, den kürzeren Weg zum Ziele zu wählen, der bereits einmal den längeren gegangen war. Auf diesen langen, oft mühsamen Wegen, auf denen man nicht selten die Empfindung des Verwirrtseins hat, blüht der große Reichtum Kaßners auf. So gibt die Einleitung der Baudelairestudie auf ein paar Seiten eine beinahe erschöpfende Charakteristik Stendhal´s; so wird bei Emerson das Problem des Eklektizismus, bei Hebbel das des Emporkömmlings, bei Kirkegaard die Frage vom Verhältnis zwischen Geld und Schicksal in der Tragödie und im Leben aufgeworfen. Und immer sehr interessant beantwortet. Man könnte natürlich sagen: Kaßner ist einseitig und ungerecht (z. B. gegenüber Heine und Fr. Schlegel) und daß er, wenn auch über tausenderlei Gegenstände, eigentlich immer dasselbe sagt und schreibt. Das ist vollständig wahr und hat Kaßner gegenüber doch keine Bedeutung. Die Beweisführung ist nicht logisch (obwohl mit harter Logik aufgebaut), so daß man sie mit Argumenten bekämpfen könnt; die Essays sind tiefer gegründet; ihre Einheit ist sinnlich und musikalisch. Man kann sie nur ganz in sich aufnehmen, oder wie es die Nordaus aller Länder wohl sicher thun würden, als leeres Gefasel von sich weisen. Wir aber vernehmen seine fortwährende wiederholte Melodie vom Sieg des Organischen über das Geklügelte und Gemachte; vom Triumph der Form und Vollendung über moderne Barbarei, des Symbols über die Allegorie, und empfinden alles als so selten und so prachtvoll nothwendig, daß wir ihn - wäre er auch weniger reich an Innerlichkeit, psychologischem Verständnis und tiefstem Kunstempfinden - als einen der wichtigsten und stärksten Kämpen für das, was wir Kultur nennen, begrüßen würden. G v. L.