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DIE NOVELLEN PONTOPIDDANS
* Der Grund für die freudenspendende große Wirkung dieser Novellen ist folgender: ihr Dichter ist ein Mann. Zwar ist unser Vertrauen in derartige "menschliche" Wirkungen geschwunden, und das mit Recht; denn häufig mißbrauchten sympathische Nichtigkeiten jenen Ekel, der uns wegen fruchtloser Nuancenbasteleien, Stimmungskitsch oder Erlebnisprostitution überkam. Und jene einfache "Menschlichkeit", die man heutzutage gegen den Ästheten richtet, steht um nichts höher und ist in keiner Weise wertvoller als diese. Der Ästhet ist nur Philologe seiner Innerlichkeit, der "menschliche" Künstler ihr Chronist. Aber beide stehen in einem unfreien Verhältnis zu den für uns gänzlich uninteressanten Detailerlebnissen ihres empirischen Ich. Es ist ganz gleichgültig, ob diese Unfreiheit bei dem einen in der Akribie des Philologen, bei dem anderen in der Gewissenhaftigkeit des Familienvaters besteht, der jedes noch so geringe Ereignis besorglich in die Familienbibel einträgt. Nur der erhob sich über den Ästhetizismus, der seine Person und sein Werk davor bewahrte, in Erlebnissen zu ertrinken, dessen Lebensinhalte sich vollkommen und restlos in die ewigen Kategorien der Formen einfügten und sich dadurchin selbst vervollkommneten und befreiten, indem sie von der "Persönlichkeit" des Schaffenden unabhängig wurden. Wenn wir ihn von außen
betrachten, so ist freilich auch Pontoppidans Novellenband ganz persönlich.
Die letzte Novelle endet sogar mit dem rein lyrischen Ausdruck einer kämpferischen
Stimmung: mit der Kampfesstimmung gegen die romantische Leidenschaft.
Jede Seite dieses ganz nordischen und protestantischen Buches ist ein
harter, heftiger Angriff gegen die zügellosen Instinkte, der Angriff
gegen jede zum Selbstzweck erhobene sinnliche Leidenschaft oder Geistigkeit.
Diesem Kampf zuliebe mußte Pontoppidan in diesen Novellen Menschen
mit differenzierterem Innenleben schaffen, deren Tragödien sich an
halb verstandenen Worten, an kaum bemerkten Gesten entscheiden. Unverstandene
Menschen mit zerrütteter Seele, die er, damit wir die sie umgebende
Atmosphäre spüren können, für alle unsere Sinne wahrnehmbar
machen mußte. Diese Atmosphäre ist bei ihm indes in die harte
und reine Linienführung eines alten erzählenden Stils gefaßt.
Diese Seelen bringt nur die sinnliche Kraft ihrer Worte und ihrer Bewegung
zur Geltung, da Pontoppidan nur die alten, großen Gestaltungsmittel
der Novelle anwendet, doch ganz und gar kein Artist ist, der diese als
Formen fertig übernimmt. Mit seiner harten Männlichkeit entspricht
er als Typ den alten Erzählern. Auch er durchlebt den gleichen Prozeß
des Formens, vom Sehen einer das Wesen eines Menschen ausmachenden Anekdote
bis zu deren objektiver, sinnlicher und dennoch moralisierender Erzählung.
Pontoppidan schuf also in seinen Arbeiten etwas zu den Alten Analoges,
doch überall mit unseren Gehalten Erfülltes. In der Novelle war
immer etwas Allegorisches: etwas, was interessant und lehrreich zugleich,
rein sinnlich und doch moralisierend war. Die bloße Eigentümlichkeit
ihrer Ereignisse hätte nicht deren Erzählung begründet.
Doch die alte Moralität hatte ein leichtes Spiel: sie knüpfte
an die einfachen Handlungen einfacher Menschen an. Auf diese Weise konnte
die Allegorie rein bleiben, da die sinnliche Kraft der Anekdote und das
Absolute ihrer moralischen Lehre ohne Abgrenzung nebeneinander bestehen
konnten (Denken wir an die Gesta Romanorum). Heute vermischt sich beides.
Die Sinnlichkeit der Ereignisse wurde durch die feine Analyse der verfeinerten
Lebensform aufgesogen, und die Moralität wurde zu feigem und scheelem
Skeptizismus. Die Rückkehr zur reinen Trennung wäre nur archaisierend
möglich. Doch müßte man dann die Menschen nicht nur zu
karikaturenhaft er Primitivität und Geradlinigkeit vereinfachen,
sondern die in ähnlicher Weise leidenschaftslos und einfach gewordene
Moral würde lediglich eine artistische Zugabe werden. Die Notwendigkeit
dafür, daß die menschlich-moralische Wertung und die einfache
Erzählung der Ereignisse zusammengefaßt werden, ist die große
Gefahr der Novellenform. Doch gerade deshalb könnte sie auch die
Köglichkeit ihrer Steigerung, ihrer Bereicherung bedeuten: daß
ihre Allegorie symbolisch wird und ihre Menschengestaltung die Seele umfaßt.
Diesen Weg legte Pontoppidan zurück. In seinen Novellen gibt es immer
einen Betrachter, der die seelischen Tragödien seiner Helden durchlebt,
es gibt einen interessierten und uninformierten Zuschauer, für den
sich jede Geistigkeit in mit scharfer Sinnlichkeit erfaßten Bildern
auflöst. Und nach jedem Bild muß es in ihm zu einem Urteil
über das Geschehene und seine Gründe kommen, doch alles, was
folgt, erweist nur die Voreiligkeit und Zufälligkeit seiner Folgerungen.
Und dieses zaudernde Schwanken der Urteile, das dem ständigen Wechsel
der stark wirkenden Situationen folgt, gibt einen viel tieferen Eindruck
von der Kompliziertheit des menschlichen Seelenlebens als die allerfeinste
Analyse. Denn diese zeigt immer die scheinbar richtigen Motive, und dadurch
verflacht die letzte, unerklärliche, mystische Irrationalität
der Seele. Die Moral, die Lehre zeigt nur die Pointe, die letzte Bewertung,nachdem
alle Schleier gefallen sind. Auch das ist ganz sinnlich gemacht, aber
- es ist erfüllt von allem Argwohn des Zweifels an der heutigen dogmatischen
Moral - dennoch bleibt es klar, eindeutig und unmißverständlich. Die Form ist ein spezifisch
männliches Ausdrucksmittel (Frauen und "gewählte"
Männer haben im besten Fall eine Technik, und leider immer interessante
Selbstenthüllungen). Deshalb können Zeiten, in denen die Männlichkeit
kein zentraler Wert ist, niemals zur reinen Form gelangen, ja sie werden
sogar daran zweifeln, daß die Form überhaupt eine eigene Realität
hat, indem sie sagen, daß es sich nur um eine dogmatische Grille
der verbohrten Theoretiker handle. Ein Mensch wie Pontoppidan widerlegt
mit seiner bloßen Erscheinung solche Zweifel. Es ist so, als würde
er sich überhaupt nicht um die Form kümmern, und dennoch gelangt
er zur ewigen und problemlosen Form, indem er schmucklos-einfach und männlich
mitteilt, was er zu sagen hat. Und voll Freude spüren wir, daß
die Formen in jeder echten Äußerung eines echten Mannes von
neuem entstehen, und wunderbar erkennen lassen, daß alle so entstandenen
Formen einander ähnlich sind, und daß jede von ihnen durch
den gleichen schützenden und verbindenden Panzer von Gesetzen geziert
wird. (aus dem Ungarischen
von Agnes Relle und Julia Bendl) In: Esztétikai kultura [1912], S. 88-91
*Der
Teufel am Herd. Diederichs 1910. (zurück)
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