Georg Lukács: Leo Popper (1886-1911). Ein Nachruf. In: Pester Lloyd. Jg. 58, Nr. 289 (18. Dez. 1911). S. 5-6.

Leo Popper (1886-1911). Ein Nachruf. Die Größe verbietet jede Sentimentalität. Die stumme Sinnlosigkeit seines Dahingehens ist furchtbarer und stärker, als jedes Wort von Schmerz oder Klage sein könnte. Was an Möglichkeiten in ihm lag, das ganz zu gestalten, hätte vielleicht die Lebenskraft und die Lebensdauer eines Renaissancemenschen genügt: ihm ward ein kurzes Leben in steter Krankheit zuteil, und die wenigen Stunden der halbwegs konzentrierbaren physischen Kraft mußten für das Schaffen ausreichen. Und dennoch; verbietet die lächelnde und ruhige Strenge dieses Lebens jedes Gerede von Hoffnungen, die sich nicht erfüllen konnten, von Wegen, die abgebrochen sind, von Fragmenten. Seine Musik und Malerei konnte sein kranker Körper nicht bis zu taten bringen, was aber in seinen Essays niedergelegt ist, das ist blühend, mächtig und reich und in sich geschlossen, das verläßt das sinnlos Brüchige seines Lebens, des Lebens ; es lebt ein eigenes Leben, es ist zur Form erlöst.

Die Form ist der Gedanke Leo Poppers. Jeder wesentliche Menschhat nur einen Gedanken; ja es fragt sich, ob der Gedanke überhaupt ein Plural haben kann, ob der wohlfeile Reichtum der Vielheitnicht nur der Oberfläche, dem Ausfüll zukommt. Die Form ist das Bindende und Bannende, das Lösende und Erlösende seiner Welt. Die Kluft zwischen Leben und Werk , zwischen Welt und Form, zwischen Schaffenden, Gestaltung, Gestalt und Aufnehmer hat noch nie jemand soweit aufgerissen, wie er. Die grauenvolle Inadäquatheit des Lebens, wo alles von blinden Kräften getrieben und von verfälschenden Fiktionen aufgefangen wird, war die Voraussetzung dieser Formenwelt, das notwendige, irreparable Mißverständnis jeder Aeußerung, ihre Wiege und ihr Weg; die trennende Einheit von Sein und Form. Aus der Verfälschung jeder Materie durch jedes Ausdrucksmittel entsteht die Form, aus unserer Armut und Beschränkung wird die Erlösung geboren. In Leo Poppers Kunstphilosophie wird die Theorie der Technik zur Metaphysik. Das Urfaktum aller Malerei ist, daß man mit Farben malen muß und daß die Einstoffigkeit der Farben die ganze Vielstoffigkeit der Malerei wiedergeben soll, doch nicht kann: diese kühn unternommene Möglichkeit und ihr Scheitern wird in dieser Aesthetik zur kosmischen Dimension vom Alltag der Kunst, zum alles umfassenden Formbegriff. So zwingt der Stein den Bildhauer, der auch die Natur nicht finden kann, zur Einheit des Im-Blockgeschaffenen, so wird aus dem Willen zur Buntheit in den Werken der Volkskunst die mystische Vollendung des verborgenen, verlorenen und dennoch überall daseienden Sinnes. Leo Poppers Formbegriff hat alles Beengende und Abstrahierende abgelegt: die Welt der Form ist eine gebende, glücksspendende und gebärende, sie ist wahrer, wirklicher und lebendiger als das Leben. (Es ist eine Klassik, wo auch Giotto, Breughel und Cézanne Klassiker sind.) Die Form ist zur Aktivität erwacht; sie, die Grundlosigkeit selbst, der große Zufall, bricht, von der eigenen, unerfahrbaren, metaphysischen Wucht getrieben, ins Leben hinein, schiebt sich zwischen Willen und Werk, verfälscht die Absicht und verwandelt die Tat, auf daß alles klug oder unbewußt falsch Gewollte der Menschen, scheitere und aus dieser Niederlage ihres Willens das Wahre entspringe.

Die Form ist die letzte und stärkste Wirklichkeit des Seins. Das an Umfang kleine Werk Leo Poppers schwebt, von der Kraft einer Formvision getragen, hoch über allen Möglichkeiten seines - empirisch gegebenen - Lebens, es ragt in das seinsollende Leben hinein und findet dort eine Heimat: voll Kraft, Schönheit, Reichtum und Gewandheit ist alles was er geschrieben hat, es ist aus der Fülle geboren und mit edlen Bewußtheit der Fülle gemeistert: aus dem qualvoll Sinnlosen und Fragmentarischen seines Lebens ist sein Schatten auf dieses Leuchten gefallen. Dieser Glanz muß jede Klage dämpfen: die Heldenhaftigeit, mit der sein Wesen aus seinem Leben heraushob und zur Wesenheit formte, gebietet staunen und Stille der Andacht; vor ihr muß jede Trauer tränenlos werden.

Georg v. Lukács