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Georg Lukács AUGUST STRINDBERG Es ist eigenartig,
und es bieten sich tausenderlei Möglichkeiten für Erklärungen,
die auf der Hand liegen, jedoch wird man eben angesichts der leichten
Annäherung der Antworten ihnen gegenüber zutiefst mißtrauisch,
daß die Art und Weise des Suchens dieser großen Sucher dieselbe
ist wie die der Zeit. Daß man durch ihren Lebensrhythmus vielleicht
schneller, leichter und sicherer zum Rhythmus der Zeit gelangen kann als
mit Hilfe der Synthesen der großen Vollendeten, der alles Zusammenfassenden.
Daß wir vielleicht nie klarer verstehen könnten, worin das
Wesen der Veränderungen von der Renaissance bis Ende des neunzehnten
Jahrhunderts besteht, als wenn wir die Technik des Suchens und Findens
eines Leonardo, eines Goethe, eines Strindberg ganz genau bestimmen konnten:
die Gesetzmäßigkeiten des Wechsels ihres Strauchelns und Weitergehens,
ihres Festhaltens und Loslassens, die zentripetalen und zentrifugalen
Kräfte ihrer Leben und Lebenseinrichtungen, wie auch das, wieso die
Formmöglichkeit, die ihnen zur Verfügung stand, für die
als wesentlich Empfundenen bald Alles, bald Nichts war. Es wäre also
leicht zu erklären, und es wäre vielleicht sogar trotz allem
wahr, daß die Ziellosigkeiten von Strindbergs Suchen die Zwecklosigkeit
des heutigen bürgerlich individuellen Lebens repräsentieren.
Daß seine Geworfenheit von einem Pol zum anderen daher kommt, daß
ihm das Steuerruder zerschmettert wurde. Daß die Mittelpunktlosigkeit
seines Lebens und Schaffens daher kommt, daß dieses Leben nicht
mehr fähig ist, aus sich heraus Ideale zu schaffen - nichts, woran
man glauben könnte, nichts, wofür es sich zu kämpfen lohnte,
nichts, das größerer Stürme wert und fähig wäre
als die Schönheiten eines vergänglichen Rausches und die Kopfschmerzen
der Enttäuschung bei Menschen, die dem Leben gegenüber gewissenhaft
sind. Ich wiederhole: das
alles könnte vielleicht sogar wahr sein, doch niederschreiben dürfte
man das erst als letzte Zeilen eines großen Buchs (oder als Einleitung
nach der Fertigstellung des Buchs). Als letzter Abschluß eines Buches,
das sämtliche, selbst die geringsten und persönlichsten Details
seines Lebens einbegreifen würde; denn heute empfinden wir es so
sehr chaotisch, so sehr als einen Urwald ohne Pfade, daß wir nicht
einmal ahnen können, was daran wichtig ist und was bloß Episode,
mehr noch: wir wissen nicht einmal, ob nicht alles daran wichtig wäre,
oder vielleicht gar nichts eigentlich wichtig ist. Am Ende eines solchen
Buches wäre es - vielleicht - erlaubt so zu reden, wenn - sichtbar
oder verborgen - auch unsere ganze Epoche darin wäre und wir die
Fäden sehen könnten, die - vermittels des Mysteriums des Erlebnisses
- von diesem Leben aus zu dieser Kunst führten, und wenn wir es für
wichtig hielten, daß sie dorthin und über diesen Weg dorthin
führten. Hier läßt
sich bloß das Gefühl feststellen. Das Gefühl, daß
wir das imposant umfangreiche und reichhaltige Oeuvre Strindbergs als
mittelpunktslos empfinden und daß wir, seine unendlich konsequente
und große Kunst und seinen vehement ehrlichen Intellekt bewundernd,
nicht glauben können, es sei einem individuellen Fehler zufolge mittelpunktslos.
Daß das, was anderen, die tausendmal kleiner sind als er, gelungen
war: die Einsichten und das, was daraus gestaltet wurde, so anzuordnen,
daß daraus ein überschaubares Ganzes entstehe, ihm einer Schwäche
zufolge nicht gelungen wäre. Daß dieses Nichtgelingen nicht
symbolisch sei. Und man kann auch das Gefühl hinzufügen, daß
bei Ibsen - dem großen Antipoden - das Zentrum, um das herum sich
alles konzentriert, bloß künstlerisch ist; daß die Mittelpunktlosigkeit
bei Ibsen bloß zur Form gelangt war, während sie bei Strindberg
Inhalt geblieben ist. Und daß die Produktion des Leonardo noch mehr
zersplittert ist als seine, und nur in wenigen Werken an sich eher vollendet
- und daß der Wert und die Vollendetheit mancher Werke bei dieser
Fragestellung kaum etwas zu sagen haben; dennoch ist das Bild, das die
auseinanderstrebenden Tendenzen hervorbringen, einheitlich. Die Wege des
Leonardo streben alle auf einen Punkt zu. Bei Strindberg sieht man nichts
ähnliches, zumindest wir sehen es nicht. Ebensowenig kann man
sagen, Strindberg gehöre zu dem Menschenschlag, dem es nicht gegeben
ward zu gestalten, was er fühlt, daß er vom Schlag eines Raffaello
ohne Hände sei: vom Schlag der majestätisch großen, tragischen
Dilettanten. Strindberg ist - genauso wie Leonardo, wie Goethe, soviel
er auch kleiner sein mag als diese - ein vollendeter Künstler, wenn
er Künstler sein will. Es gibt keine Form, die er mit der spielerischen
Virtuosität der Vollkommenheit nicht beherrschte; das vollkommene
Werk ist eben nur an sich vollkommen, nicht aber ein Glied einer langen
Kette, die von einem Ende des Lebens bis zum anderen reicht; es ist bloß
an sich vollkommen - nicht symptomatisch, nicht als die Offenbarung einer
Lebensperiode. Die tiefsten Inhalte Strindbergs bleiben irgendwie ebensosehr
außerhalb der objektiven Vollendetheit vollkommener Werke, wie sie
auch außerhalb des lyrisch Fragmentarischen der subjektiven Vollendetheit
bleiben. Als liefe Strindberg durch alle seine Werke bloß hindurch,
betrachtet man sie vom Blickwinkel seines Lebens aus, so empfindet man
sie als bloß nebensächlich und als Abenteuer, sein Leben aber
dennoch als einen Weg zur Gesamtheit dieser Werke. Strindberg nahm an
fast allen großen literarischen - und nichtliterarischen - Aktionen
der letzten dreißig Jahre teil. Und fast überall, wo er auch
war, kam ihm eine führende Rolle zu, und dennoch können wir
nicht verstehen, wieso er in eben diese Aktionen geraten war, warum nicht
in die gegenteiligen, und wenn er tatsächlich auch in diese geraten
war, so stellt sich wiederum dieselbe Frage. Strindberg entwickelt sich
bloß, sämtliche Werke haben für ihn bloß als Entwicklungsstadien
einen Wert, und ebenso auch für uns, wenn wir dies von einem recht
hohen, bloß das Symptomatische berücksichtigenden Blickwinkel
aus betrachten. Er entwickelt sich bloß, doch führt diese Entwicklung
nirgendwohin. Diese Entwicklung führt über enorme Umwege zu
den ursprünglichen Ausgangspunkten und nach mächtigen Umwegen
wieder dorthin zurück. Vielleicht aber verfälschen wir noch
immer durch mehr geordnete Ausdrücke die Impression, die die Gesamtheit
seiner Werke schafft: wir wissen ja nie, welcher der Ansatzpunkt ist,
und wir wissen nie, was der Umweg ist, und es wäre - was sich im
Falle Ibsens unbedingt machen ließe - hier vollends unmöglich:
das Nacheinander seiner Werke aufgrund innerer Merkmale zu bestimmen.
Und ebenso unmöglich ist es zu wissen, ob der heute 60jährige
Strindberg bereits vollends erschöpft ist, oder ob jetzt jene Hochblüte
seines Schaffens beginnt, zu der alles Bisherige bloß bescheidenes
Vorspiel war. Was also ist August
Strindberg? Einzig ein staunenerfülltes Schweigen kann die Antwort
auf diese Frage sein. Nichts wissen wir über ihn: über ihn,
den allersubjektivsten Schriftsteller, der alles aufdeckende und zur Nacktheit
entblößende Memoiren geschrieben hatte, wie keiner sonst seit
Rousseau. Was also ist August
Strindberg für uns? Die Frage ist wichtiger als die vorangegangene,
und irgendwann wird sie sich mit dieser auch überdecken. Irgendwann,
vielleicht, wenn diese Frage aus entsprechender Entfernung, am richtigen
Ort gestellt wird, erhalten wir eine Antwort auch auf die erste. Denn
- so unser Gefühl - je größer ein Mensch, um so symbolischer
ist alles in seinem Leben, um so klarer wird sein Leben zum Symbol des
Lebens anderer. Jeder große Mann ist vielleicht um so größer,
je mehr Fäden von je mehr Leben sich im seinigen konzentrieren, je
nachdrücklicher jeder geringe Zufall seines Lebens tausend Leben
bedeutet. Was bedeutet uns August
Strindberg? Es gab viele Augenblicke, als er alles bedeutete, und es gibt
noch immer viele Augenblicke, wo er alles bedeutet. Es gab einige Momente
in der Entwicklung der neuen Literatur, da jedermann das Gefühl hatte,
die Lösung sämtlicher Fragen in seinen Händen zu haben.
Zur Zeit der großen mystisch-religiösen Niedergeschlagenheit
der neunziger Jahre gab es einen Augenblick, da die Religiösität
Strindbergs die westeuropäische, ihr Ziel verfehlende Religiösität,
das ihr Ziel verfehlende Gottsuchen am kräftigsten repräsentierte.
Es gab einige Augenblicke, als es so schien - und vielleicht ist es auch
so -, daß der mystische Naturphilosoph Strindberg ebenso sehr die
exakte Wissenschaft vorwegnimmt, wie zu Beginn des Jahrhunderts die Naturphilosophien
Goethes und der Romantiker. Und der große hysterico-monumentale
sexuelle Kampf, die erotischen Grundlagen und Erscheinungsformen der intellektuellen
Befreiung der Frau spiegeln sich in seinem Leben und seinen großen
Werken mit der furchterregendsten Wucht der Wahrheit. Den geheimsten Tragödien
des nahenden Herbstes, den nie ausgesprochenen und nie zugegebenen Anzeichen
des Alterns hat niemand bisher solchen Ausdruck gegeben wie er. * Dies sind bloß
Beispiele, und sie ließen sich noch viele Seiten lang fortsetzen,
ohne daß alles gesagt wäre; und man fühlt: selbst wenn
auch alles gesagt worden wäre, würde immer noch etwas übrigbleiben:
die Zusammenfassung aller Wirkungen bietet noch immer keine Erklärung
für das Ganze seiner Bedeutung, es gibt keine Antwort darauf, was
August Strindberg uns bedeutet. Deshalb empfinden wir, auch wenn wir nicht
den Mut haben es zu begründen, sein Enigmatisches als symbolhaft,
und als Antwort die tiefe Sphynxhaftigkeit seines Lebens. Deshalb haben
wir das Gefühl, daß seine Unerklärbarkeit nicht von ungefähr
ist, daß darin die Antwort auf seine Mittelpunktlosigkeit steckt.
Man hat das Gefühl - jetzt hält uns nicht nur das wissenschaftliche
Gewissen, sondern auch die eigene Feigheit davon zurück, das eigene
Gefühl als positive Wahrheit auszusprechen -, man hat das Gefühl,
daß das, was ihm, dem Größten, fehlt, ein Mangel unseres
Lebens ist, daß seine letztliche Fragmentiertheit schließlich
doch die Fragmentiertheit unseres Lebens sei, daß seine Ziellosigkeit,
Richtungslosigkeit, Mittelpunktslosigkeit allesamt bloß Symbole
unseres Lebens sind. Dann wäre Strindberg
mitsamt seinem Leben und Dichten, seinen Höhepunkten und tiefen Mängeln
der Mann, der uns repräsentiert. Und wir fühlen, daß dies
so ist, mögen es aber nicht, wir getrauen uns nicht es zuzugeben,
wir wollen es nie zugeben.
* In einer anderen Fassung (Huszadik Század, Februar 1909, X. Jg. Nr. 2, S. 172-175) lautet dieser Absatz folgendermaßen: Und von Leuten, die das Nahen des Herbstes fühlen, habe ich gehört, daß den zuallertiefst verheimlichten Tragödien, den nie verbalisierten und nie eingestandenen Anzeichen des Alterns niemand außer ihm Ausdruck gegeben hat; daß er der einzige Dichter sei, der sie erschüttert, nachdem sie jegliche Poesie nurmehr als Spielerei empfinden.
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