Georg Lukács

VORWORT: Über jene gewisse Nebligkeit 1); 2)

Manche Leser und Kritiker meiner bisher veröffentlichen Bücher 3) beklagen sich über deren Nebligkeit und Unverständlichkeit. Über die Tatsache, ob man etwas versteht oder nicht, kann nicht diskutiert werden. Die Frage ist nur, ob dieses Nichtverstehen von der unzulänglichen Ausdrucksweise des Schriftstellers verursache wird, oder aber von der unzulänglichen Lesefertigkeit des Lesers (und des Kritikers). Eventuell ist dieses Nichtverstehen auch die notwendige und anzuerkennende Folge einer bewußten schriftstellerischen Methode. Mit einem beträchtlichen Teil meiner Kritiker diskutiere ich nicht - auf eine solche illoyale Weise wäre es leicht. Sie sind nicht vorsichtig genug gewesen und haben mit eigenen Worten "klar" ausgedrückt, was ich "neblig" geschrieben habe. So wird jeder, der nur einen Satz aus meinen Schriften verstanden hat, die "klaren" Auszüge meiner Texte lächelnd beiseite legen, die beliebige Exzerpte sein können, nur nicht aus meinen Schriften. Denn mit jemandem, der mich zum Beispiel für einen Mystiker erklärt, weil ich mich mit dem Formproblem beschäftige, oder aber für einen Romantiker, weil ich auf die inneren Widersprüche der romantsichen Lebensphilosophie hingewiesen habe, kann ich wirklich nicht diskutieren. Ich möchte ihn nur bescheiden daran erinnern, daß es ausgezeichnete philosophische Lexika und Handbücher gibt, in denen er die für ihn unbekannten Termini finden und wenigstens die Grundgedanken der schwer zugänglichen Denker kennenlernen kann. Mir mangelt es aber an Zeit, mich mit Erwachsenenbildung zu beschäftigen - obwohl ich von ihrer Nützlichkeit und Notwendigkeit zutiefst überzeugt bin.

Damit wäre diese Frage schon erschöpft; um so eher, da meine hier gesammelten Schriften (hoffentlich) leichter zugänglich sein werden als die übrigen. Es sind Gelegenheitsschriften, und mit ihrer gemeinsamen Veröffentlichung möchte ich ihnen keine größere Wichtigkeit beimessen als solchen gebührt. Gelegenheitsschriften bedeutet, daß ich aus Anlaß mancher zufällig aufgetauchten Fälle versucht habe, die Richtigkeit meiner allgemeinen Gesichtspunkte zu kontrollieren. Ich habe also meine Arbeit nicht auf den gesamten immanenten Reichtum des Objekts oder des behandelten Gesichtspunktes ausgedehnt; sondern ich habe mich mit der Feststellung der Beziehungen begnügt. So sind diese Schriften - infolge des bewußt übernommenen einzigen Gesichtspunktes und der nicht erschöpfenden Behandlung - verglichen mit meinen übrigen Werken einfacher.

Dennoch kann ich nicht versäumen, als Vorwort die wenigen Zeilen zu veröffentlichen, die ich als Antwort an einen feinfühligen und hochgebildeten Kritiker 4) meines ersten Buches formuliert habe, aber diesmal schon ganz unabhängig von meinem Buch; bloß als allgemeine Frage nach der notwendigen "Nebligkeit" der Philosophie. Hegel sagt irgendwo: "Die Philosophie ist ihrer Natur nach etwas Esoterisches, für sich weder für den Pöbel gemacht noch einer Zubereitung für den Pöbel fähig; sie ist nur dadurch Philosophie, daß sie dem Verstande und damit noch mehr dem gesunden Menschenverstande, worunter man die lokale und temporäre Beschränktheit eines Geschlechts der Menschen versteht, gerade entgegengesetzt ist; im Verhältnis zu diesem ist an und für sich die Welt der Philosophie eine verkehrte Welt." 5) Damit ist die Frage der philosophischen Daseinsberechtigung dieser "Nebligkeit" markiert (worin zugleich im Großen und Ganzen die Frage des ästhetischen, des adäquaten Ausdrucks enthalten ist). Der Wesenskern der Frage ist, glaube ich, das Folgende: Es gibt keine Philosophie, die irgendwo (in irgendeiner Hichsicht) nicht "neblig" wäre. Bleibt nur zu fragen, wo und in welchem Maße, warum und für wen. Sicher gibt es "neblige" und "klare" Philosophen. "Neblig" war z.B. Hegel - Schopenhauer ist der Zeuge dafür! - 6), "Klar" waren Voltaire oder James 7), ja sogar Schopenhauer selbst. Ich meine, es wäre eine billige Sache, die "Klarheit" von Voltaire anzugreifen. Der schöne Aphorismus von Faguet 8) weist daraufhin: "c'est un chaos d'idées claires". Und Graf Keyserling 9) beweist - in einem neulich geschriebenen Buche auf Schopenhauer eingehend - daß die klaren und durchschaubaren Schönheiten seines Systems nur architektonische Schönheiten sind und daß seine "klaren Begriffe" nur solange klar sind, wie sie ein konkretes Ding beleuchten. Die tieferen Zusammenhänge und ihre wirkliche Bedeutung bleiben ganz dunkel. Weiter, daß Schopenhauers Illusionismus in keiner notwendigen Beziehung zu seiner Willensmetaphysik oder zu seiner Absicht steht, die das Leben verneint. Kurz gesagt ist Schopenhauers "klare" und "reine" Metaphysik voll von Unklarheiten, eben neblig. Und wer den unendlich klar und rein schreibenden James für wirklich klar hielte - der sollte die ungarischen Nachrufe lesen! Aus dem Autor von "Pluralistic Univers" und "Human Immortality" ist ein radikaler Freidenker geworden. Demgegenüber möchte ich mich nur auf den "unverständlichen" Hegel berufen, bei dem ja niemals bestritten werden konnte, daß sein System einheitlich ist. Über ihn besteht zwischen den enthusiastischen Anhängern und den haßerfüllten Feinden ein wunderbares Einverständnis bezüglich seiner Inhalte. Doch sind die Gegensätze bei der Bewertung dieser Inhalte natürlich desto schärfer. (Damit hat aber Hegel genau so wenig zu tun, wie mit den verschiedenen politischen Folgerungen, die aus seinen Schriften gezogen werden können.) Ich behaupte: unter denen, die Hegel lesen können, gibt es viel mehr solche Leser, die aus seinen "Nebligkeiten" etwas Endgültiges und Eindeutiges verstanden haben, als solche, die einen beliebigen "klaren" Philosophen wirklich verstehen können.

Die Frage lautet ja: wer liest überhaupt einen Philosophen und demgegenüber: wer kann ihn und inwiefern lesen? In diesem Zusammenhang muß ein allgemeines modernes Vorurteil bekämpft werden. Es geht dahin, die Philosophie könne popularisiert werden, weil das philosophische Denken nur ein Weiterführen des gewöhnlichen Denkens über das gewöhnliche Leben in Richtung auf die letzten Fragen sei. Das Vorurteil besagt also, daß die ferngerückten Ergebnisse der Philosophie uns näher gebracht werden könnten (oder wenigstens mit Hilfe von "Errungenschaften der modernen Technik", mit irgendwelchen fernrohrartigen Hilfsmitteln aus der Nähe betrachtet werden könnten), kurz gesagt, daß das Ergebnis möglich sei, ohne den Weg zurückzulegen. Das philosophische Denken besteht aber nicht daraus, das gewöhnliche Denken weiterzuführen, sondern (als meine Zeugen dafür rufe ich alle wirklichen Philosophien von den Veden bis Bergson an) im Durchbrechen des gewöhnlichen Denkens, in etwas von ihm der Qualität nach Verschiedenem, etwas "Widernatürlichem"; und selbst die Voraussetzungen des philosophischen Denkens können nur mit den größten Anstrengungen, mit der Überwindung des alltäglichen Denkens und der alltäglichen Lebensgewohnheiten geschaffen werden.

Die populäre, klare, leicht verständliche Philosophie ist also eine Fälschung. Denn das Wesen der Philosophie besteht nicht aus der Gesamtheit von Ergebnissen, die in ein paar Sätzen zusammengefaßt werden können, sondern ist eine gewisse Seinsform des Denkens. Die Ergebnisse der Philosophie ändern sich inhaltlich, wenn wir den Weg, der zur Philosophie führt, verlassen (oder erleichtern): sie sind keine Zusammenfassungen, keine "wissenschaftlichen Ergebnisse", sondern Gipfelpunkte, Krönungen; an sich genommen sind sie ganz leer. Der philosophische Stil ist demgemäß ein Sieb, das die Leute sondert: jeder Satz ist ein Burgwart in einer bestürmten Festung, der die Leute nur bei Kenntnis der Parole einläßt. So dienen auch die Satzfügungen der Erziehung und Prüfung, sie zwingen den Leser, sein ganzes Denken in jene Richtung anzustrengen, die vom Philosophen bestimmt worden ist. Denn ein ergebnisreiches Verständnis kann nur zustande kommen, wenn der Leser den Kampf innerlich nachvollzieht. Nur nebenbei möchte ich bemerken, daß die Askese, die jede mystische Philosophie begleitet, - wenn auch unbewußt - diesem Ziel dient: sie bereitet den Adepten auf den Weg vor, der zur Philosophie, zur intellektuellen Betrachtung, zur mystischen Ekstase, zur Bergson'schen Intuition 10) führt. Im Dienste dieses Zieles steht die ganze Schwere und "Nebligkeit" jeder Philosophie (doch muß dies nicht immer bewußt werden).

Die Ursachen der "Nebligkeit" hängen auch eng mit dieser Situation zusammen. Das eine ist, daß die Bedeutung eines "nebligen" Ausdrucks schwer zu finden ist, das andere, daß der betreffende Ausdruck mehrere Bedeutungen hat. Die Sprache des gewöhnlichen Lebens wird durch ihre Anwendung eindeutig (da sie wegen der Praxis leicht verständlich sein muß). Sie meidet also absichtlich die begriffliche Schärfe, die Subtilität und die Feinheit: sie strebt nach sinnlichem Ausdruck - weist auf das hin, worauf sie sich bezieht. Das philosophische Denken kann nur begrifflich sein, es weist auf nichts hin, denn es gibt nichts, worauf es hinweisen sollte. Außerdem muß es aus sich selbst seine Eindeutigkeit und Unmißverständlichkeit schaffen, es muß darauf verzichten, leicht verständlich zu sein: es wird "neblig" sein - solange der Kampf um das Verstehen den Leser nicht in den Seelenzustand des Denkers, in die Welt der reinen Begrifflichkeit versetzt. Die größte Schwierigkeit dieser Situation trifft man dort, wo - wie in meinem Falle - von angewandter Philosophie die Rede ist. Wo die Begrifflichkeit ins Leben zurückkehrt; wo also das Leben notwendigerweise mehrdeutig ist, muß seinen Ausdrücken Eindeutigkeit verliehen werden (die nur in der einzelnen praktischen Anwendung eindeutig werden). Auf der Lebensebene ist dies unvorstellbar. Die "Feinheit", die "Vertiefung" (und deren Folge: die "Nebligkeit") sind notwendig, um diese Begiffe in die Sphäre der Reinheit, der Eindeutigkeit zwingen zu können: in die Welt der begrifflichen Metaphysik. Dort sind sie eindeutig und klar - aber eben deshalb notwendigerweise in der anderen Welt "neblig" gleichwie, wie wir schon früher gesehen haben, die "klaren" und "reinen" Ausdrücke der anderen Welt nur dadurch vor der "Nebligkeit" gerettet werden können, daß sie in dieser Welt ungeklärt sind. Es ist die Methode jeder wirklichen Philosophie: der Philosophie der Veden, des Platonismus, des mittelalterlichen Mystizismus und der deutschen Philosophie von Kant bis Hartmann. 11)

Aber neben dieser durch die Form verursachten "Nebligkeit" gibt es noch eine andere, aus dem Wesen des Inhalts folgende. Die Menschen verstehen eine philosophische Arbeit entweder deshalb nicht, weil sie nicht imstande sind, dem Gedankengang des Ausdrucks zu folgen, oder aber deshalb, weil sie nicht wissen, worum es in der betreffenden Schrift geht. Dieses letztere Nicht-Wissen ist nur in sehr geringem Maße die Folge einer bloßen intellektuellen Minderwertigkeit oder Unterentwickeltheit; obwohl dies teilweise auch zutrifft. Die Philosophie ist nur in ihren Ausdrucksmitteln rein intellektuell. Ihr Wesen ist das Erlebnis, die Vision. Und für jene, die eine Vision nicht als Erlebnis haben, ist die Philosophie selbst dann unzugänglich, wenn sie sich durch Lernen und Routine manche Griffe des Ausdrucks angeeignet haben. "Weder durch das Studieren der Veden oder durch die Askese, noch mit Geschenken oder mit Opfern ist es für jemanden möglich, mich so zu erblicken, wie du mich erblickt hast" - sagt Krishna Arjuna. 12) Der subjektive Anarchismus der heutigen Zeit - der infolge der Oberflächlichkeit und der Bequemlichkeit großgeworden ist - wird diese auf objektiven, greifbaren und definierbaren Faktoren beruhende Wahl natürlich in seinem Sinne interpretieren, indem er behauptet, daß alles von der Sicht, vom Erlebnis abhängt. Und da der Mensch nur Seinesgleichen versteht ist der "unverständliche" Philosoph einfach ein Sonderling, der eigentümliche, anderen nicht mitteilbare Erlebnisse hat usw. Diese Argumentation ist natürlich von Anfang bis Ende oberflächlich und falsch. Für den nichtmusikalischen Menschen ist die Musik nur Lärm, nur Mißklang; und selbst wenn er irgendwie erlernen könnte, was die Ziele und die Instrumente des musikalischen Ausdrucks sind, könnte er die wirkliche Musik niemals verstehen, da er innerlich weder verstehen noch wissen könnte, worum es sich in der Musik handelt (weil es ihn nie durchdrungen hat). Zum Verständnis der Philosophie ist eine ganz spezielle innere Inspiration nötig. Wer Philosophie liest, wird Probleme bzw. Lösungen von Problemen erleben, wo der gewöhnliche Mensch nur Wirrwarr wahrnimmt. Diese Menschen nehmen eventuell die Dinge so unbewußt und so verworren wahr, daß sie sich nicht einmal ihrer eigenen Verworrenheit bewußt werden. Dieses ist keine Frage des Intellektes oder der wissenschaftlichen Begabung. Denn die alles entscheidende Frage der Philosophie, die Frage des Seins, ist zum Beispiel für die Wissenschaft überhaupt keine Frage. Und dies ist richtig: der Noumenon 13) kommt nur in der Philosophie vor. Wem die Probleme der Philosophie keine Probleme sind (hier liegt der consensus sapientorum: im Durchleben der Fragen, die aller großen Philosophie gemeinsam sind), der wird ein philosophisches Werk niemals verstehen; ja er wird sogar nie erfahren, warum er es nicht versteht.

Diese Frage ist zugleich eine zusammengesetzte historische Frage. Die Entwicklung der Kultur äußert sich zum Teil darin, daß die Probleme sich nach unten verschieben, demokratischer werden. Obwohl die großen Philosophen nicht richtig gelesen werden, wird ein kleiner Teil ihrer Problemstellung zum Gemeingut. Heute denken schon viele Menschen einem Schema gemäß, das den Erlebnisformen und Gedanken von Platon und Kant ähnelt - natürlich ohne zu wissen wie und ohne diese jemals gelesen oder verstanden zu haben. Dies beweist, daß die unendlich individuellen Weltvisionen dieser einsamen Denker zwar supraindividuell, aber nicht solipsistisch sind. So können wir im Laufe der Entwicklung einerseits die fortwährende Verschiebung der Probleme nach unten beobachten und andererseits die langsame Erhöhung der Verständnisschwelle. Die Gedanken werden mit der Zeit - wie von selbst - immer populärer (hier kann nicht ausgeführt werden, zu wievielen Mißverständnissen und Abflachungen dies möglicherweise führt.) Je erfreulicher diese Tatsache in allgemeiner kultureller Hinsicht ist, desto weniger darf dies überschätzt werden: daraus kann nicht auf Verständnis der neuen Philosophie geschlossen werden. Platon und Kant sind schon da angekommen, wo sie ihre Wirkung entfalten können; Plotin und Hegel aber noch nicht. (Es ist möglich, daß sie nach Vermittlung durch Bergson und Marx in einigen Jahrzehnten ebenfalls "verständlich" sein werden). Eine neue Philosophie kann aber nur im Kampf erobert werden und nur von dem, der für sie zu kämpfen imstande ist. Während also alle alten Philosophien "klar" werden, bleiben die neu entstandenen notwendigerweise "neblig". Dies trifft vor allem natürlich auf diejenigen zu, die die alte Philosophie nur deshalb verstehen - weil sie sie nicht kennen, von ihr nur soviel wahrnehmen, wie sie verstehen können. Dies könnte man als tragische Situation auffassen, ja man müßte es - wenn der Philosoph in der Zeit lebte, auf etwas wartete, wenn er ungeduldig wäre. Wer aber aus innerer Notwendigkeit philosophiert, dem ist nur die Klärung der Dinge (für sich selbst) wichtig. Er will Fragen stellen und versuchen zu antworten. Für ihn ist es eine unerwartete und glückliche Überraschung, wenn es auch nur einen gibt, der die Dinge, die der Philosoph durchlebt, nicht für "neblig" und "unverständlich" hält, und er wird alles übrige der Geschichte überlassen. Er hat seine Arbeit getan, indem er schrieb, was er lebte und dachte; und das Nichtverstehen verdient er sowieso, ob infolge seiner Tugenden oder die seiner Fehler.

Bei uns ist aber der Abscheu vor der Philosophie so heftig, daß seine Quantität die philosophische Stellungnahme des ungarischen Publikums in eine neue Qualität umschlagen läßt.Und das ist der wirkliche Grund, warum ich diese Frage eigentlich berührt habe. Ich meine nämlich, daß das Fehlen einer ungarischen philosophischen Kultur nicht zuletzt darauf zurückgeführt werden kann, daß man sich krankhaft vor Anstrengung scheut, die für große Philosophie notwendig wäre. Das erklärt, warum die falschesten und seelenlosesten Materialisten bei uns als große Philosophen figurieren konnten, während man die großen Denker als "unverständlich" mied. János Erdély 14) schrieb einst die folgenden unvergeßlichen Zeilen: "Ein solches Volk müßte man, wenn möglich, sogar mit Gewalt zum Denken zwingen, wie die Herde zur Schwemme, damit es nicht ständig nur distinguiere, sondern auch spekuliere. Wir machen aber soviel, daß wir die Intelligenz mit populären Vernünfteleien auf die Rosenblätter der Oberflächlichkeit locken, damit sie dort, wie die Pflanzensauger, vegetiere". Deshalb hielt ich es für meine Pflicht, die "Nebligkeit" vor dem ungarischen Publikum in Schutz zu nehmen. Es ist bloßer Zufall, daß dazu meine eigene Sache Anlaß gegeben hat. Denn ich glaube nicht, daß meine Sache des Schutzes bedarf. Mit dankbarer Demut werde ich aufnehmen, was meine berufenen Kritiker mir eventuell als mir verborgen gebliebene (wirkliche) Unklarheiten darstellen, damit ich aus ihren Bemerkungen lernen möge. Auf die Beschuldigungen der "Nebligkeit" werde ich diesmal nicht einmal reflektieren: für den wirklichen Kritiker gibt es keine "Nebligkeit", nur richtige und nicht richtige Behauptungen. Voll Freude und mit Interesse erwarte ich, daß man die Unrichtigkeit meiner Behauptungen beweist.

In: Esztétikai kultúra, Budapest 1912, Seite 3 - 11

Übersetzung aus dem Ungarischen: Julia Bendl.
Anmerkungen: Frank Benseler
Textrevision: Werner Jung


 

Anmerkungen:

1) Erste, viel kürzere Fassung: Nyugat, III. Jahrgang, Nr. 23 vom 1.12.1910, Seite 1749-1752 (zurück)

2) Das ungarische Wort "homályos" ist nicht gleichbedeutend mit dem deutschen
"nebelhaftig". Es kann auch bedeuten: dämmrig, dunkel, dunstig, dunkel, düster, matt,
neblich, schleierhaft, trüb, undeutlich, unklar, unscharf, vage, verschwommen, verwaschen.
Vergleiche hierzu Károly Kókay: Im Nebel. Der junge Georg Lukács und Wien. Wien
2002, Böhlau, Seite 138, Anmerkung 185 (zurück)

3) Gemeint sind die zwischen 1906 und 1911 entstandenen Essays, die deutsch in dem
Sammelband "Die Seele und die Formen" zuerst in Berlin 1911 im Verlag Egon Fleischel
erschienen sind sowie die zweibändige "Entwicklungsgeschichte des modernen Dramas"
(ungarisch zuerst Budapest 1911, Franklin; in der Werkausgabe Bd. 15, herausgegeben von
Frank Benseler, Darmstadt und Neuwied, 1981), aus der Teile in ungarischen Zeitschriften
schon vorher publiziert waren. Vergleiche hierzu auch den Beitrag von Endre Kiss in
diesem Jahrbuch: "Die Kunst vor dem Horizont der Gesellschaft. Georg Lukács: Die
Entwicklungsgeschichte des modernen Dramas". (zurück)

4) Gemeint ist die Kritik von Mihály Babits an Lukács' Buch "Die Seele und die Formen" in:
Nyugat 1.11. 1910, Seite 1563-1565. Über Lukác's Streit mit Babits vergleiche: Károly
Kokáy: "Der Babits- Streit" aaO. (Anmerkung 2) Seite 138-146 (zurück)

5) Hegel: "Über das Wesen der philosophischen Kritik überhaupt" (Januar 1802). Jetzt in:
Theorie-Werkausgabe Bd. 2, Jenaer Schriften, Frankfurt 1970,Suhrkamp Verlag, Seite
182f. (zurück)

6) Arthur Schopenhauser: "Kritik der Kantischen Philosophie" in: Sämtliche Werke Band 2,
Wiesbaden 1949, Brockhaus Verlag, Seite 495 ff. und ebd. Band 3: "Über Geschichte"
Seite 505 ff. Vergleiche dazu auch: Georg Lukács: "Die Zerstörung der Vernunft", Werke
Band 9. Neuwied-Berlin 1962, Luchterhand Verlag, Seite 172-219. (zurück)

7) William James. Begründer des Pragmatismus, nordamerikanischer Psychologe und
Philosoph (1842-1910), "The Varieties of Religous Experiences" (New York 1902); "A
pluralistic Univers" (1909) (zurück)

8) Emile Faguet. Positivistischer französischer Literaturhistoriker (1847-1916). "Histoire de
la litterature francaise ", Paris 1900 (zurück)

9) Graf Hermann Keyserling. Intuinionistischer Lebensphilosoph (1880-1946). "Das Gefüge
der Welt" 1906 (zurück)

10) Henri Bergson: "Matière et mémoire Paris" 1896, deutsch 1908; "Essai sur les donnés
immédiates de la conscience", Paris 1889, deutsch 1911; L'Evolution créatrice Paris 1907,
deutsch 1912 (zurück)

11) Eduard von Hartmann (1842-1906) "Philosophie des Unbewußten" Berlin 1869 (zurück)

12) Krishna Arjuna: Krishna, der Dunkle, ist ein vergöttlichter indischer Sagenheld. Als
Wagenlenker des Prinzen Arjuna verkündet er die "Bhagavadgita". Deutsche Ausgabe in
Übertragung von Leopold von Schröder: Jena 1922, Eugen Diedrichs, 11. Gesang, Verse
47 f., Seite 83 (zurück)

13) Noumenon: Verstandes- oder Gedankending, intelligibler Gegenstand. Nach Platon
geistig im Gegensatz zu sinnlich Erkennbarem. Nach Kant bloß gedachtes, nicht
wirkliches Ding; ein Begriff ohne Gegenstand, also gedanklich Etwas, sachlich Nichts. (zurück)

14 János Erdélyi. Ungarischer Dichter (1814-1868) Redakteur der Zeitschriften "Respublica"
Pest 1849 und "Magyar szépirodalmi szemle" (herausgegeben von der Kisfaludy
Gesellschaft). Herausgeber ungarischer Volkslieder, -sagen, -märchen und -sprichwörter.
"Nemzeti iparunk" (Unsere Nationalindustrie) Pest 1846.
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