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Georg Lukács DER WEG INS FREIE Gegen diesen reichen und schönen, feinen und starken, amüsanten und rührenden Roman kann man nur entscheidende, nur prinzipielle Einwände erheben. Wer nicht an die Formen glaubt, wer nicht daran glaubt, daß in dem Moment, wo das erste Wort niedergeschrieben und der Umfang bestimmt wird (um von tieferen künstlerischen Problemen gar nicht zu sprechen), alles schon von vorneherein fertig ist und das, was in der Tat zustande gebracht worden ist, in seinem Gelingen - im Vergleich zu den Anforderungen des abstrakten Themas - feststellbar und meßbar ist, - wer also wie gesagt an alles das nicht glaubt, der kann auch gegen diesen Roman nichts einzuwenden haben. Er wird viele interessante Menschen und aus deren Leben viele intensiv mitempfundene, in die Seelentiefen hinein leuchtende Situationen und Momente kennen lernen, und - heute ist das, so glaube ich, für viele die Hauptsache - er wird zu einer großen und wichtigen Frage, der Judenfrage, viele, immer geistreiche, häufig treffende Bemerkungen und in Hinblick auf die Fragestellung recht viele typische Menschen und Probleme finden. Ich möchte nicht allzu dogmatisch erscheinen, so versuche ich nur das niederzuschreiben, was ich während des Lesens fühlte. Ganz kurz: bei jeder wirklich großen Sache erhebt sich im Licht des Abschlusses alles Vorangegangene; bei vielem, was man als überflüssig empfand, sieht man nun ein, daß es nötig gewesen war; nachträglich rührt einen vieles, worüber man im Moment des ersten Eindruckes leicht hinweg geglitten war, und übermäßige Sentimentalität erhält vielleicht in der richtigen Perspektive einen ironischen Zug. Hier war es umgekehrt: alles, was beim Lesen aufregend wichtig und tief ergreifend war, erhielt im Rückblick vom Schluß her einen enervierenden, unangenehmen Beigeschmack, und selbst das blieb für die Erinnerung als Überflüssiges zurück, dessen entscheidende Bedeutung mir beim Lesen nicht im geringsten zweifelhaft erschienen war. Warum? Ich denke, weil die Proportionen dieses Romans verfehlt sind; er vermittelt kein einheitliches und zusammenhängendes Bild, von welchem Punkt aus auch immer wir ihn betrachten. Der letzte Eindruck: eine Erzählung oder vielleicht noch nicht einmal das, eingebaut in einen (oder vielleicht mehrere) Romane, und wie klug, fein und angenehm auch jede für sich sein mag, so verderben sie doch die Wirkung der anderen. Es heißt, Schnitzler habe über das Judenproblem einen Roman schreiben wollen. Mag sein, aber dann bleibt uns nur das Gefühl, er habe eine Reihe geschickter und angenehmer Feuilletonartikel geschrieben. Was geschieht und zwar recht ausführlich geschieht und den größten Teil des Romans einnimmt, das hat mit dieser Frage nichts zu tun. Die Menschen, die - Schnitzler wünscht es so - den Leser am meisten interessieren sollen, sind keine Juden: sie haben lediglich auch jüdische Bekannte und unterhalten sich mit diesen - zu den möglichsten und unmöglichsten Gelegenheiten - darüber. So ist die christliche Hauptfigur des Romans nur eine empfindliche Platte für die von tausend Seiten hereinströmenden Bilder; sie wird absichtlich farblos gehalten, damit sie das Problem völlig rein widerspiegelt. Mag sein, aber dann ist es langweilig, unangenehm und überflüssig, daß sie so im Vordergrund steht, es stört, daß die sowieso schon episodischen Geschehnisse ihres Lebens die Hauptsache verdecken, auch ist es nicht von Vorteil, daß diese Ansichten in Form eines Romans geschrieben wurden; der ganze Roman ist nur Ballast, und es wäre besser gewesen, die Gespräche gleich als eine Reihe von Feuilletonartikeln zu verfassen, da sie sich dadurch, daß sie zu einem Roman gefügt sind, in keiner Weise steigern. Die Menschen des Romans - wie auch die der jüngsten Dramen - sind die Menschen von Jugendskizzen, jedoch gealtert oder zumindest an der Grenze des Mannesalters. Es sind ergrauende, kahl werdende Anatols, Lebens-Ästheten, deren Weg bereits abwärts führt, Stimmungsanarchisten, die noch immer mit allem spielen, doch deren Händen das Leben schon zu entgleiten beginnt, deren Spiele langsam eine tragische Färbung bekommen, die sich bereits nach dem richtigen Leben, nach einer Zugehörigkeit und nach Verpflichtungen sehnen, um davor zurückzuschrecken und ihm nachzutrauern, wenn sie es verlieren, da es doch in ihrem Leben erschienen ist. Auch das könnte noch der Roman des Judentums sein. Doch wäre hier natürlich das ganze Judentum nur Symbol, und zwar das Symbol für das heimatlose, wurzellose, ewig herumirrende großstädtische Wesen der "Intellektuellen"-Welt. Es wäre nur Hintergrund, doch erhebend und notwendig, da die Eigenschaften dieser Figuren, ihre - in tieferem Sinne - Instinktlosigkeit und der Umstand, daß sie doch nur von ihrer Stimmung gelenkt werden, ihre Gnadenlosigkeit und zärtliche Gewissenhaftigkeit, ihre kalte Härte und Sentimentalität, ihre nur von innen her determinierte Lebenseinrichtung, während diese Determinanten doch von ganz und gar äußeren Verhältnissen abhängen, wenn auch nicht speziell jüdische, so doch in der jüdischen Hälfte dieses Menschenschlages stärker ausgeprägte Eigenschaften als überall sonst sind. Dieser Roman beginnt, als wolle Schnitzler mit ihnen endgültig abrechnen, indem er alle Typen sammelt, alle ihre Möglichkeiten erörtert und das in einer Breite und so vollkommen, wie das allein schon wegen des Umfanges in einem Drama nicht möglich gewesen wäre. Alle ihre Spielarten ziehen an uns vorbei, vom leichten Snob bis zum wilden Fanatiker, von den Hedda-Gabler-Miniaturen bis zu den wegen Majestätsbeleidigung eingesperrten Genossinnen wie auch die Generationen von den endgültig ausgebrannten und resigniert skeptischen ganz bis hin zu den nur in ihren Worten nicht naiven unreifen. Und jeder von ihnen spürt die Problematik seines Lebensflusses, und wenn dessen Notwendigkeit auch bereits tief in ihm verwurzelt ist, so daß es einem Selbstmord gleichkäme, sich selbst ernsthaft verändern zu versuchen, so spricht er doch davon: leidenschaftlich, geistreich, klug, treffend, interessant - und viel, sehr viel. Das ist die Kritik der nur impressionistischen Lebensführung. Während eines - gerade unter ihnen - seltenen vertrauten Beisammenseins sprechen die beiden Geschwister (der eine steht im Mittelpunkt des Romans) über ihr Leben und über die wichtigsten Dinge in ihrem Leben. Es hört sich ganz wie eine Abrechnung an, was der ältere dem jüngeren sagt, der Diplomat dem Musiker, als dieser ihm von einem seiner Verhältnisse erzählt, davon, wie sich bis zu diesem Tag alles ziellos entwickelt hatte, ohne Programm, ohne daß sie gewußt hätten, was daraus werden würde. "Ja das ist recht schön", lautet die Antwort. "Es ist nur die Frage, ob man nicht in wichtigen Lebensdingen zu Programmen gewissermaßen verpflichtet ist." Das bedeutet, daß die Bescheidenheit, die "Haltung", die möglicherweise einfache bürgerliche "Rechtschaffenheit" über die im Meer der Nuancen versunkenen "Intellektuellen" Oberhand gewinnen. Dieselbe Geste ist es, mit der Schnitzler - ich zitiere nur ein paar unter den vielen - den simplen Oboeisten gegenüber dem mit seinem eigenen wie mit dem Schicksal aller anderen nur spielenden Georg Merklin als überlegen darstellt (Der Puppenspieler), oder selbst der beschränkte aristokratische Kavalier sich noch als besserer Mensch erweist als der große Schriftsteller Gilbert und der ihm ebenbürtige große Dichter ("Literatur"). Doch auch diese Abrechnung ist nicht niedergeschrieben. Den jungen aristokratischen Komponisten, der mit allen Menschen, die ihm über den Weg laufen, ebenso spielt wie auch die überwiegend jüdischen Intellektuellen, bringt sein Schicksal in eine ernste Lage, in der er wachsen und sich hätte wandeln können, indem er sich stark an die Aufeinanderfolge der Generationen klammerte (durch die Heirat mit der Frau, die er liebte, und als arbeitender, im Kreis der Familie lebender Mensch), oder indem er lernte, daß auch seine größte Liebe nicht dazu ausreichte, daß er gebunden glücklich blieb, um so mit resignierter Bereicherung sich auf den Weg zu machen zu einer bereits hochwertigen, ein ganzes Leben dauernden, der Kunst geweihten Einsamkeit. Keines von beiden geschieht. Seine Fähigkeit zu Lieben ist zu schwach für die erste und sein Vermögen zu Erleben zu oberflächlich für die zweite Lösung, und so werden das Unglück einer schönen und starken Frau sowie die Geburt und der Tod eines Kindes zu bloßen Episoden in seinem Leben; sie bedeuten für ihn nur einen schönen Winter und einen Frühling, nichts mehr. Und danach bleibt er, der er war. Ein ermüdender Kreislauf ist der Roman aus dieser Perspektive. Einen großen Weg haben wir zurückgelegt und bei der Rückkehr sahen wir, daß wir im Kreis gelaufen sind, daß wir dort ankamen, woher wir aufbrachen, ja sogar daß wir selbst unterwegs uns im Grunde nie von diesem Ort wegbewegten. Das Abenteuer des Helden, dem nur der Umstand Gewicht und Bedeutung verlieh, daß es mehr zu sein schien als die ewigen Episoden, verliert, nachdem es sich lediglich als solches erwiesen hat, alles Interessante, und wir fühlen uns betrogen und ärgern uns, weil wir mehr erwartet hatten; von hier aus gesehen verderben die Proportionen des Romans: den nicht allen interessanten und nicht sehr bedeutenden Aristokraten konnte nur im Mittelpunkt halten, daß er ähnlich und doch anders war als die anderen, so daß er ein Stadium, in das sie hineingeboren waren und in dem sie sterben würden, überwinden zu können schien, wobei in dem Moment, wo sich herausstellt, daß er ebenso wie diese ist, er von ihnen in den Schatten gestellt wird, und nur umso uninteressanter, unbedeutender ist. Aber wenn wir ihn als Mittelpunkt nehmen, so ist der ganze Roman überflüssig. Was ihm geschah, ist eine melancholisch-schöne Episode in einem an Details reichen, in seiner Gänze jedoch armen und leeren Leben. Diesen netten und feinen, doch in der Tiefe seiner Seele völlig unbedeutenden Menschen würde es gänzlich erdrücken, daß Schnitzler das ganze heutige Wien vorführt, um Begleitung, Hintergrund und Beleuchtung zu bieten für sein mit einem netten und feinen Mädchen für die Vergänglichkeit entstandenen Verhältnis. Dieser Roman zerfällt, woher auch immer wir nach ihm greifen; kein Stein bleibt auf dem anderen, wenn wir nur betrachten, wie er aufgebaut ist; alle seine Proportionen sind verfehlt, woher auch immer wir ihn als ein einziges organisch zusammenhängendes Ganzes zu sehen trachten, und nicht als wirres aber nettes Gemenge von Feinheiten. Er ist nicht durchdacht, durchlebt, wie fast jedes größere Werk, das Schnitzler schrieb. Es gilt dafür, was Kerr über den "Einsamen Weg" sagte: "Der Dichter gibt nicht die Darstellung des Wirrsals, sondern das Wirrsal in der Darstellung". Und je weiter Schnitzler durch seine Entwicklung zu wahreren Tiefen und zärtlicher beschriebenen seelischen Feinheiten getrieben wird - ist dieser Roman so reich, so fein, so schön wie nur sehr, sehr wenige heutzutage geschriebene und eine der schönsten Schriften dieses wirklich feinen Stilisten - desto schmerzlicher ist es, daß man dennoch nur so über ihn schreiben kann, daß die heutige absolute Formlosigkeit selbst über die am künstlerischsten empfindenden Schriftsteller Macht gewinnen kann, in ihnen das spontane und gesunde Gefühl für die Form, den adäquaten Ausdruck, die Konstruktion und die Proportionen vernichten kann. Aus dem Ungarischen
von Agnes Relle. In: Esztétika kultura, 1912, S. 82-87 |