Jürgen Meier

Demokratie des Bösen
Aristokratische oder demokratische Weltanschauung? Ist Lukács´ Demokratiebegriff veraltet?

In den Jahren 1989 bis 1998 hat sich die Zahl der nationalen Volksabstimmungen im Vergleich zum vorhergehenden Jahrzehnt mehr als verdoppelt. Eine Initiative "Mehr Demokratie e.V." fordert die Einführung von Volksentscheiden, um der durch Skandale angeschlagenen Demokratie auf die Beine zu helfen. "Wir wollen weg von der Zuschauerdemokratie. Und hin zu einer Kultur der Beteiligung. Dabei vertrauen wir auf die Freiheit und die Selbstbestimmung der Menschen."

Einer der wichtigsten politischen Trends, so schreibt die Weltbank in ihrem Weltentwicklungsbericht 1999/2000, sei die Stärkung der lokalen und regionalen politischen Ebene. Nationalstaatliche Regierungen von Afrika bis Lateinamerika und von Europa bis Südostasien treten Rechte an die bürgernahen, unteren Ebenen ab, wobei Laptop, PC, Mobiltelefon und Internet diese Dezentralisierung erleichtert hätten.

Die Massenvernichtungswaffen des 20. Jahrhunderts, wurden unter der Führung des Staates entwickelt. Hierzu waren große Mengen von Rohstoffen und Fabriken nötig. Heute ist das anders. Heute kommen tödliche Produkte aus den Labors von Unternehmen, die sie für kommerzielle Zwecke nutzen, mit relativ geringem Einsatz von Rohstoffen. Das macht die Kontrolle von oben immer schwieriger.

"Einzelne Menschen haben Zugang," sagt Bill Joy (Gründer von Sun Microsystem), "und können mit ihrer Anwendung riesige Schäden erzeugen. Diese Art Demokratisierung des Bösen haben wir in der Geschichte der Menschheit bisher noch nicht erlebt."

Die formale Demokratie, wie der ungarische Philosoph Georg Lukács (geboren am 13.4.1885, erhielt am 13.4. 1970 den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt) die parlamentarische Demokratie nannte, verführt seine Abgeordneten nicht nur durch Bestechungen in die Eindimensionalität der Ökonomie, sondern überlässt jenen die Anwendung und Verteilung, selbst aggressiv militärischer und menschlich verletzender (Videos etc.) Produkte, die ihnen als private Aneigner der gesellschaftlichen Arbeit rechtlich auch zustehen.

"Jene Privatisierung der Menschen," schrieb Lukács, "aus denen sich die Massen bilden, die in den alten formalen Demokratien entstand, bringt einen Menschentypus hervor, produziert eine Einstellung, eine Mentalität und Moralität, die dem Wesen einer wirklichen, lebendigen und lebensfördernden Demokratie widerspricht." (1946)

Lukács unterschied zwischen einer aristokratischen und einer demokratischen Weltanschauung. Die demokratische Weltanschauung erkennt in dem Menschen den Schöpfer des gesellschaftlichen Seins, dessen vergesellschaftete Arbeits- und Produktionsweise mit gattungsmäßigen, und nicht, wie Lukács es nannte, mit einem partikularisierenden, also auf Einzelinteressen sich stützenden Bewusstsein gedacht, geplant und genutzt werden sollte.

Formal bleibt Demokratie immer dann,wenn sie die Bereiche der vergesellschafteten Arbeit vom politischen Leben loslöst. Wirkliche Demokratie ist eine Lebensform, die alle Bereiche der Gesellschaft erreicht. Die "Demokratie des Bösen", wie Joy die gesellschaftliche Dominanz des homo oeconomicus nennt, mag zum einen jene ermuntern, die einer aristokratischen Weltanschauung frönen und alle Lebensbereiche der Herrschaft einer militärischen und politischen Elite unterordnen wollen, die als "Diktatur des Guten" den Weg erleuchten hilft.Sie mag aber auch zu jener Erkenntnis führen, dass wir die Begriffe von Freiheit und Gleichheit wieder neu zu denken haben. Die Freiheit des partikularisiert orientierten homo oeconomicus schafft die Gleichheit von Käufer und Verkäufer auf dem Weltmarkt. Da bei gleichen Rechten letztlich die Gewalt der Korruption, der Militärs, der Arbeitslosigkeit entscheidet, wer der Sieger wird, darf man sich getrost der Worte von Lukács erinnern:

"Kategorien wie Freiheit und Gleichheit, wie Fortschritt und Vernunft müssen einen neuen Glanz, eine neue Bedeutungsschwere erhalten, und sie können diese erhalten, wenn der soziale Gehalt der Demokratie, den heutigen veränderten Umständen entsprechend, wieder die Inhaltsfülle und Leuchtkraft von 1793 oder 1-917 erhält. Und andererseits müssen lange Zeit behebte, in manchen Kreisen fast axiomatisch gewordene Kategorien, wie ‚Vermassung', ihre Geltung verlieren."

Diese Angst vor "den Massen", gepflegt von den französischen Existentialisten, erlernt von den 68er Wessis, die heute als Repräsentanten der formalen Demokratie das Kanzleramt, Außen- und Verteidigungsministerium mit dem Geist des homo oeconomicus schwängern, ist eine der wichtigsten Einfallstore des Antidemokratismus. Undzwar sowohl in den "Massen" selbst wie in der Intelligenz.

Lukács sah in der "Überwindung des isolierten Individualismus", in der "Wiedererweckung des Citoyen" die Möglichkeit, um die aristokratische Weltanschauung, zu der ja auch die faschistische Variante zählt, zu verhindern.

Volksentscheide sind ein guter Schritt, um die Demokratie als allgemeine Lebensform zu lernen, die letztlich auch vor den Fabriktoren nicht halt machen darf.

aus: Freitag, Nr. 16, 14. 4. 2000