Jürgen Meier: geschrieben f. "Kommune"

Werner Jung
Von der Utopie zur Ontologie
Lukács- Studien

Aisthesis Verlag (Mai 2001)
Seiten: 182
48.-DM


Von der Utopie und Hoffnung auf ein menschlich Besseres zur Lehre vom Sein, das auf dieses Bessere führen soll, zur Ontologie, davon handelt dieses Buch. Georg Lukács, der ungarische Philosoph, wird von Werner Jung in diesem Spannungsbogen seines Lebenswerks fachkundig beleuchtet. Der Autor prüft nicht nur das Nietzsche Bild von Lukács, er untersucht auch dessen Gemeinsamkeiten und Trennungslinien mit Wilhelm Dilthey, Ernst Jünger, Johannes R. Becher, Nicolai Hartmann, Gerhard Hauptmann und natürlich mit Ernst Bloch. Der Vergleich von Lukács und Bloch gelingt Werner Jung besonders gut an deren unterschiedlicher, wie identischer Betrachtung des Begriffs Arbeit.
"Bloch misstraut der Kategorie Arbeit gründlich, weil er, wenn er von der Arbeit redet, immer die konkrete Formationsbestimmtheit, die in Lukács Darstellung der Arbeit als teleologische Setzung gar nicht auftaucht, mit bedenkt." (S. 146) Das "Primat des Kopfes" bei Bloch entferne diesen immer mehr von seinem Heidelberger Studienfreund Lukács, für den die Arbeit "die Rahmenbedingungen" absteckt, "innerhalb derer die Klasse dann zur Erkenntnis der realen Möglichkeiten zur Veränderung gelangt." (S. 149)
An der Gegenüberstellung von Bloch und Lukács kann der Leser deutlich spüren, welcher der beiden Denker am ehesten dem heutigen vorherrschenden Kunstbegriff entspricht:
"Während Lukács sich, wie Bloch zutreffend bemerkt `an Werken und Formen festhält` und zudem einen Kanon großer Werke aufstellt, plädiert Bloch für das `prinzipiell unabgeschlossene Kunstwerk`, das mit jedem Akt der Rezeption über sich hinausgetrieben, ja, das mit jedem Akt einer produktiven Auseinandersetzung erst neu geschaffen wird....Nicht das Werk, sondern die Phantasie setzt die Utopie allererst frei....Demgemäß erscheint....Bloch auch der Expressionismus..., der sich nicht vor der eigenen Subjektivität schämt, sondern das ich sich ungehemmt und unzensiert aussprechen lässt, als wirklich neue Kunst." (S. 42)
Die Expressionismusdebatte der zwanziger Jahre, die heute, wenn auch auf anderem Niveau und eher latent stattfindet, ist kein Streit um den Geschmack, sondern um die Haltung die wir gegenüber der Bedeutung des menschlichen Subjekts im gesellschaftlichen Sein einnehmen. Lukács und Bloch waren sich darin einig das die Kunst das "Gewissen" der Menschheit sei. Doch wie sich dieses Gewissen zu vergegenständlichen habe, um ein solches sein zu können, darin unterschieden sie sich. Lukács kritisierte, was Bloch schätzte, den Expressionismus.
Das Buch markiert wichtige Spuren des Denkers Georg Lukács, der in manchen Kapiteln allerdings zu wenig Raum im Vergleich zu jenen Denkern und Schriftstellern einnimmt, mit denen der Autor Lukács zu vergleichen versucht.
Die Auswahl die der Autor aus seinen Vorträgen, Aufsätzen und Essays getroffen hat, die zwischen 1985 und 1999 entstanden sind, gibt dem literaturwissenschaftlichen Leser einen guten Einblick in die neuere deutsche Literatur und deren philosophische Hintergründe.