Frank Benseler/Werner Jung:

Lukács' Spätphilosophie - Antworten auf ein unabgegoltenes Projekt. Tagung in Leipzig, 9. Juni 2001


Die "Internationale Georg-Lukács-Gesellschaft" veranstaltete gemeinsam mit der "Rosa-Luxemburg-Stiflung" am 9. Juni 2001 in Leipzig eine Tagung "Sozialismus und Demokratie. Antworten Georg Lukács' auf ein unabgegoltenes Problem". Im Mittelpunkt dieser Tagung, an der rund 40 Philosophen, Soziologen, Politologen und Literaturwissenschaftler, aber auch interessierte und engagierte Bürger teilnahmen, stand das postum publizierte politische Vermächtnis des ungarischen Philosophen Georg Lukács - dessen 30. Todestag sich am 4. Juni jährte - "Demokratisierung heute und morgen" (die deutsche Veröffentlichung unter dem Titel: "Sozialismus und Demokratisierung",1987).

Lukács, der sich 1956 an der Seite Imre Nagys engagierte, darauf ins rumänische Exil vertrieben wurde, schließlich aller Parteiämter verlustig ging, verstand sein spätes philosophisches, ästhetisches und politiktheoretisches Werk ("Eigenart des Ästhetischen", "Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins", eine geplante Ethik) als Auseinandersetzung und Abrechnung mit dem Stalinismus im Bemühen darum, den Marxismus zu renovieren, worunter Lukács eine Rückkehr ebenso zur originären Dialektik Hegel-Marxscher Provenienz wie ein Plädoyer für die Reformulierung des Marxismus als Ontologie sah, d. h. als Kategorienlehre. Hierunter wollte er insbesondere die Beschäftigung mit den vier Kategorien Arbeit, Reproduktion, Entfremdung und Ideologie verstanden wissen. Sein politisches Testament nun knüpft unmittelbar an die Einsichten seiner Spätphilosophie an und möchte - neben der Abrechnung mit dem Stalinismus in den Ländern des real existierenden Sozialismus - praktisch wie theoretisch Vorschläge für die Erneuerung des Marxismus und einer sozialistischen Demokratie unterbreiten. Dabei spielt insbesondere die Frage des Alltagslebens eine herausragende Rolle, da dort - und Lukács hält ungebrochen seit seinem marxistischen ‚foundation text' "Geschichte und Klassenbewußtsein" von 1923 daran fest, daß "ohne Bewußtsein bis zum Schluß" nichts läuft! - die zentralen ideologischen Debatten ausgefochten werden müssen. Lukács' praktische Vorschläge zielen auf eine Wiederherstellung alter rätedemokratischer Modelle; er plädiert für eine gewisse Liberalisierung, bezweifelt
auch - mit Maßen - die herausragende Rolle der Partei, um den Kampf um die Köpfe und das ,richtige Bewußtsein' in der Hefe der Alltäglichkeit zur Entscheidung zu bringen: denn die sozialistische Demokratie sei, so Lukács, "das Organon dieser Selbsterziehung des Menschen."

Von den verschiedensten Seiten und unter einer reichen Perspektivenvielfalt, die der Herkunft der Beiträger des Symposions geschuldet ist (sowohl in geographisch-geopolitischer wie auch wissenschaftlicher Hinsicht), stand im Mittelpunkt der meisten Vorträge die Beschäftigung mit Lukács' politischem Testament. Es wurde nach Anschlußfähigkeiten und -möglichkeiten dieses Essays gefragt, wobei eine unkritische Adaption von beinahe allen Beiträgern abgelehnt wurde und selbst Lukács gegenüber wohlgesonnene Interpreten - zu Recht - eine gewisse Unterkomplexität seiner Empfehlungen rügten. Rüdiger Dannemann (Essen), der das Eröffnungsreferat (nach einleitenden Bemerkungen von Frank Benseler/Paderborn für die Internationale Georg Lukács-Gesellschaft sowie Monika Runge/Leipzig für die Rosa Luxemburg-Stiftung) zum Thema "Rätebewegung und Basisdemokratie" hielt, stellte auf gewisse Kontinuitäten im Denken von Lukács' Marxismusverständnis ab und wollte den Ungarn vor allem mit Vertretern der kritischen Theorie teils engführen, um die Aktualität von diversen Überlegungen zu unterstreichen, teils auch wieder davon entkoppeln. Volker Caysa (Münster) unterstrich dann in seinem eine ganze Reihe von aktuellen Debatten in der Philosophie rekapitulierenden Beitrag ("Georg Lukács' Ontologie") die Originalität Lukács, die er vor allem in dessen praxisphilosophischem Ansatz sah, nicht ohne dabei das Fehlen einer hermeneutisch-sprachkritischen sowie kommunikationstheoretischen Dimension kritisch zu monieren. Demgegenüber bezweifelte Udo Tietz (Berlin) in seinem programmatisch gehaltenen Vortrag ("Demokratietheoretische Defizite in Lukács' Demokratisierungsschrift"), der auch zu z. T. erhitzten Debatten führte, daß Lukács' zentrale inhaltliche Vorgaben (rätedemokratische Modelle etc.) für unsere heutige historische Situation der Globalisierung und eines weltweit agierenden Kapitals ausreichend seien; für Tietz fallen sie unterkomplex aus und halten kaum mehr - bei allen Sympathien für das Lebenswerk des ungarischen Philosophen - Antworten bereit - wie denn überhaupt dieses praxisphilosophische Paradigma nach ´89 abgewirtschaftet habe.

In weiteren Vorträgen eines dicht gedrängten Programms referierte der ungarische Lukács-Experte László Illés (Budapest), der insbesondere in Moskauer Archiven über Lukács' Tätigkeiten im sowjetischen Exil während der 30er und 40er Jahre gearbeitet hat, aus seiner ungarischen Perspektive auf die für ihn befreiende Sicht der Demokratisierungsschrift, die er den heutigen, gebildeten Verächtern' der Lukácsschen Philosophie aus dessen eigener Budapester Schule wieder ins Gedächtnis zu rufen versuchte. Mit dem Vortrag von Klaus Schuhmann (Leipzig), dem ausgewiesenen Brecht-Kenner und ehemaligen Ordinarius für Neuere Deutsche Literaturgeschichte an der Leipziger Universität, kam dann der historische Lukács zur Sprache, wurden in konzentrierter Form die gegensätzlichen Sichtweisen auf den Realismus und den Expressionismus referiert, wurde die Brecht-Lukács-Debatte der späten 30er Jahre noch einmal lebendig, die freilich nur die Fortsetzung alter Streitigkeiten zwischen Lukács und seinem Jugendfreund Bloch in der zweiten Hälfte der zehner Jahre bedeutete.

In den Nachmittagsvorträgen behielt dann der philosophische Diskurs die Oberhand: der Vortrag von Erich Hahn (Berlin) - mit Understatement als bloßer Aufriß bezeichnet - rekonstruierte textnah die Reichhaltigkeit der Lukácsschen Überlegungen zur Ideologieproblematik, die Hahn im Blick auf die Ontologie des gesellschaftlichen Seins als anhaltend fruchtbaren Denkansatz würdigte. Hans-Martin Gerlach (Leipzig) ("Zerstörung der Vernunft oder das Andere der Vernunft?") machte auf erstaunliche Parallelen und Interferenzen zwischen Lukács und Ernst Cassirer aufmerksam (was meines Wissens in der Forschung noch gänzlich unbeachtet geblieben ist!); Frank Richter (Freiberg) schließlich ("Was wäre eine sinnvolle Alternative zu leichtsinnig-fröhlichem Surfen auf der Oberfläche postmoderner Strategeme?") wies in einem launigen Vortrag auf die Möglichkeiten und Notwendigkeiten einer Pluralisierung der Vernunft (der Vernünfte) hin.

Zu bemerken bleibt, daß diese Veranstaltung ein - erstes - Gemeinschaftsunternehmen von Rosa-Luxemburg-Stiftung/Sachsen und der Internationalen Georg-Lukács-Gesellschaft e.V. gewesen ist, der hoffentlich weitere Tagungen folgen werden. (Die Internationale Georg Lukacs-Gesellschaft e. V., gegründet 1996, unterhält neben einer Jahrbuchreihe - bislang vier Bände [Aisthesis Verlag, Bielefeld] - auch eine weitergehende Schriftenreihe, in der Arbeiten von und über den ungarischen Philosophen unter sukzessiver Erschließung von dessen Budapester Nachlaß erscheinen. Ein Band, der die verschiedenen [Beiträge des Leipziger Symposions enthält, wird im kominenden Frühjahr erscheinen und ebenso über die Rosa-Luxemburg-Stiftung/Sachsen wie die Internationale Georg-Lukács-Gesellschaft zu beziehen sein.

aus: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung. Nr. 47. 2001. S. 194-196